zur Navigation springen
Schleswiger Nachrichten

14. Dezember 2017 | 03:51 Uhr

Schleswig : Klassiker mit aktuellem Bezug

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Diskussion vor der Premiere: Landestheater beleuchtet mit Wolfgang Borcherts Antikriegs-Werk „Draußen vor der Tür“ die politischen Krisen von heute.

shz.de von
erstellt am 16.Feb.2015 | 07:00 Uhr

„Ein Mann kehrt nach Deutschland zurück – und die Tür ist zu.“ Schauspieler René Rollin bringt die Aussage des Schauspiels „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert auf den Punkt. Im Jahr 1947 wurde es in Hamburg uraufgeführt. Den Darsteller des traumatisierten Kriegsheimkehrers Beckmann von damals hat André Becker, Dramaturg am Schleswig-Holsteinischen Landestheater, noch persönlich kennengelernt. Gestern Vormittag nun sitzt Becker im Slesvighus und leitet die Podiumsrunde, in der das Regieteam des Theaterstücks auf die Premiere nächste Woche Sonntag einstimmt.

Vor den rund 50 Interessierten, die deswegen gekommen sind, schlüpft Becker in die Rolle des Erzählers und Moderators zugleich. „Mit dem Titel kann jeder etwas anfangen“, ist er sich sicher. Zudem gibt er Einblicke in die Biografie des Autoren Borcherts und erklärt, dass dieser im Protagonisten Beckmann sein eigenes Schicksal verarbeitet hat: Beckmann kehrt nämlich drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus der Gefangenschaft in Russland zurück, wo auch Borchert als Soldat kämpfte. Doch in der Nachkriegsgesellschaft, die in erster Linie die Vergangenheit verdrängt und nur die Zukunft im Blick hat, steht Beckmann mit seinem psychischen Leiden buchstäblich „draußen vor der Tür“. Heute würde man wohl von „posttraumatische Belastungsstörungen“ sprechen. Deshalb ist das Stück gerade im Hinblick auf die Rückkehrer aus Afghanistan so „heutig“, wie Becker betont.

Was die Aktualität betrifft, die immer wieder ins Zentrum der einstündigen Veranstaltung rückt, betont Schauspieldirektor Wolfgang Apprich aber auch, dass man die Inszenierung bewusst „in der Zeit gelassen hat“ – und schnell schiebt er das berühmte Zitat von Wilhelm Busch hinterher: „Man merkt die Absicht und ist verstimmt.“ Auch die Brüchigkeit von Frieden, den der Ukraine-Konflikt dieser Tage deutlich beweist, klingt in dem Zusammenhang immer wieder an.

Apprich und Becker werfen sich während der Vorstellung des Schauspiels immer wieder den Spielball zu. Mehrfach fragt Apprich den Dramaturgen mit einer gespielten Vorsicht um Erlaubnis, die genauere Umsetzung des Stückes erläutern zu dürfen – zum Amüsement der Besucher. Links von ihnen sitzen die (gleich fünf!) Beckmann-Darsteller wie mumifiziert nebeneinander und blicken den zum Großteil eher älteren Zuhörern desillusioniert entgegen. Für die Besucher mag dies auf den ersten Blick „verfremdend“ erscheinen. Doch um so authentischer wirkt die szenische Darstellung der zentralen Passage gegen Ende der Veranstaltung, in der ein Albtraum Beckmanns und die verschiedenen Stimmen, die ihn täglich plagen, mit Sprechchören dargestellt werden. Denn Verfremdung ist das klassische Element des epischen Theaters von Berthold Brecht. Wie in diesem kommt auch hier das Bühnenbild sehr schlicht daher: Es besteht allein aus einer Wand mit einer Tür. Die Inszenierung ermögliche es, „die Seele Beckmanns nach außen zu stülpen“, betont die Bühnenbildnerin Mirjam Benkner, die ebenfalls auf dem Podium sitzt. Im Hinblick auf die Premiere von „Draußen vor der Tür“ steht für Apprich fest: „Das kann ein beklemmender, politischer Abend werden.“ Für ihn ist die Essenz aus Borcherts Schauspiel eine pazifistische: „Waffen lösen keine Konflikte.“

Auch auf das Schauspiel von Roland Schimmelpfennig „Der goldene Drache“ wurde an diesem Vormittag eingestimmt. Das gleichnamige Chinarestaurant, wo illegale Arbeiter beschäftigt sind, ist der Dreh- und Angelpunkt des Stückes. Es liegt im Untergeschoss eines Hochhauses, das Symbol der Globalisierung ist und in dem alle miteinander zu tun haben. „Die Figuren fühlen sich nicht wohl in ihren Rollen“, ist Beckers Begründung für den Verfremdungseffekt, der auch hier – wenn auch in anderer Form als in „Draußen vor der Tür“ – angewendet wird: Ein alter Mann, der jung sein will, wird von einem jungen Darsteller gespielt.>Die Premiere von „Draußen vor der Tür“ findet am Sonntag, 22. Februar, um 19 Uhr im Slesvighus statt. „Der goldene Drache“ feiert am 21. Februar (19.30 Uhr) Premiere in den Rendsburger Kammerspielen. Die für den 28. Februar in Schleswig geplante Aufführung wurde aus betriebsorganisatorischen Gründen abgesagt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen