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Schleswiger Nachrichten

13. Dezember 2017 | 00:49 Uhr

Hüsby : Keine Milch mehr bei Bauer Clausen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Kreisbauernverband schlägt Alarm: Immer mehr Landwirte geraten wegen der fallenden Milchpreise in Schwierigkeiten.

shz.de von
erstellt am 21.Aug.2015 | 07:21 Uhr

Seit gut einem Jahr sinken die Preise, die Landwirte für Milch erzielen, stetig. Längst bekommen die Bauern weniger für einen Liter Milch, als es sie kostet, ihn herzustellen. „Ein unhaltbarer Zustand“, befand Bauer Dirk Clausen (48) aus Hüsby und entschied, aus der Milchviehhaltung auszusteigen. Am Freitag, 24. Juli, morgens um 7 Uhr haben er und seine Frau Silke Falkowski (45) zum letzten Mal ihre Kühe gemolken, danach wurden die Tiere zum Schlachter gebracht. Wie Clausen stehen auch viele andere Milchviehhalter vor der existenziellen Frage: Aufgeben oder weitermachen? Jens Rosenplänter vom Kreisbauernverband Flensburg muss vermehrt Landwirte beraten, denen die niedrigen Milchpreise ernsthaft zu schaffen machen.

Nachdem sie ihre Kühe abgeschafft hatten, ging es Dirk Clausen und Silke Falkowski überhaupt nicht gut. „Wir haben drei Tage sehr gelitten.“ Seit seinem 15. Lebensjahr in der Landwirtschaft tätig, war Dirk Clausen es fast 25 Jahre lang gewöhnt, die Tiere morgens und abends zu melken – und auch sonst waren er und seine Frau für die Tiere da, „24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche“. Die Familie machte keinen Urlaub, der gesamte Lebensrhythmus war auf die Versorgung der Kühe eingestellt. Plötzlich ein leerer Stall. Keine Verpflichtung mehr. „Du läufst total unrund, stehst neben dir. Gefühlt waren die ersten Tage 35 Stunden lang“, sagt Clausen. Seit gut 80 Jahren und in der dritten Generation ist der Hof in Hüsby in Familienbesitz – und immer gab es dort Milchvieh und Schweine.

Die Entscheidung bereut Clausen dennoch nicht. „Ich kann nicht für etwas arbeiten, an dem ich nichts verdienen kann. Wir hätten investieren müssen. Hätten alles neu machen müssen. In den Melkstand etliche 1000 Euro reinstecken müssen.“ Als Clausen die Hoffnung verlor, dass der Milchpreis in absehbarer Zeit wieder steigt, wurde entschieden: Die Kühe kommen weg.

Wie viele Milchviehhalter im Kreis mittlerweile aufgegeben haben oder es erwägen, vermag Jens Rosenplänter nicht zu sagen. „Wir sind ja erst am Anfang der Entwicklung. Gefühlt gibt es viele kleine und mittlere Betriebe, die aufgrund der Preismisere mit dem Gedanken spielen, aufzugeben“, sagt Rosenplänter. Die Zahl der Anfragen nach Beratung sei jedenfalls deutlich gestiegen. „Die niedrigen Preise sind ein Problem. Viele Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt er.

Für die Landwirte bedeutet die Aufgabe der Milchviehhaltung meist auch das Ende zumindest ihrer hauptberuflichen Tätigkeit auf dem eigenen Hof. „Eine Umstellung der Betriebe auf andere Formen ist wegen der starken Spezialisierung in der modernen Landwirtschaft nahezu ausgeschlossen“, sagt Rosenplänter. Man könne nicht von heute auf morgen von der Milchviehhaltung auf Schweinemast umstellen.

Der Bauernverbandsvertreter hält den Rückgang des Milchexportes vor allem nach Russland und China für den Hauptgrund für die aktuell niedrigen Milchpreise und nicht die Aufhebung der Milchquote zum 1. April dieses Jahres; seither gilt keine Mengenbegrenzung mehr für die Milchproduktion auf einem Hof. Die Quote sei ja erst vor fünf Monaten abgeschafft worden, der Preisverfall aber schon länger im Gange, so Rosenplänter. „Der Preisverfall ist eine Folge des Marktgeschehens. Solange Russland und China keine Milch importieren, drückt das auf die Preise. Und die Discounter nutzen das aus.“

Rosenplänter spricht den Milchbauern Mut zu. Man könne die Hoffnung haben, dass die Politik mit Russland zu einer Lösung kommt und das Land dann wieder deutsche Milch importiert und auch der Export nach China wieder anspringt. Schon kleine Änderungen in der Nachfrage wirkten sich auf die Preise aus. Allerdings gebe es derzeit keine Anzeichen dafür, dass sich kurzfristig etwas an der Preisentwicklung ändere, gibt der Bauernvertreter zu.

Dirk Clausen und Silke Falkowski sind Bauern aus Leidenschaft und wollen deshalb auf jeden Fall weiter machen und den Umbruch wagen – auch ohne Milchkühe. „Wir werden den ganzen Betrieb ummodeln“, sagt Clausen. Das Fleisch der verbliebenen 43 Rinder und der 20 Schweine soll künftig direkt vermarktet werden. Auch die Angebote des seit fünf Jahren betriebenen Erlebnisbauernhofs sollen ausgebaut werden und so vermehrt zum Familieneinkommen beitragen.

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