Raus aus der Online-Sucht : Keine Angst mehr vor dem echten Leben

Der Computer bleibt aus: Daniel Kolbe hofft, dass er seine Mediensucht überwunden hat. Die Beraterinnen Silke Willer (links) und Angela Dronia helfen ihm beim Start in ein neues Leben.
Der Computer bleibt aus: Daniel Kolbe hofft, dass er seine Mediensucht überwunden hat. Die Beraterinnen Silke Willer (links) und Angela Dronia helfen ihm beim Start in ein neues Leben.

Im Suchthilfezentrum fand Daniel Kolbe einen Weg aus seiner Online-Sucht – doch jetzt ist die „Fachstelle Medienabhängigkeit“ in Gefahr.

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11. Juni 2014, 17:00 Uhr

Was sein Problem ist, das hat Daniel Kolbe (22) erst begriffen, als es schon fast zu spät war. Zwei Mal hatte er die Schule geschmissen. Er hatte keine Freunde mehr, er hatte Angst vor der Welt da draußen. Lieber spielte er Online-Rollenspiele. „World of Warcraft“, „Guild Wars“. „Ich habe fast alles ausprobiert, was auf dem Markt ist.“ Seine Wohnung verließ er fast nie. Ärzte behandelten ihn wegen Depressionen. Es half nur für kurze Zeit. Anfang des Jahres dann der totale Zusammenbruch. Akute Selbstmordgefahr. Er wurde zwangseingewiesen. In der geschlossenen Abteilung der Flensburger Diako erkannte dann ein Therapeut, was los war. „Du bist medienabhängig“, sagte er. Daniel Kolbe wollte es nicht wahrhaben.

Computersucht ist zwar ein Schlagwort, das die meisten Menschen schon gehört haben. Die Beratungsangebote aber sind dürftig. Zu Hause in Flensburg konnte niemand Daniel Kolbe wirklich weiterhelfen. Unterstützung fand er erst in Schleswig. Das Suchthilfezentrum in der Suadicanistraße hat seit gut zwei Jahren eine „Fachstelle Mediensucht“. In ganz Schleswig-Holstein gibt es nur zwei weitere solche Fachstellen, in Kiel und in Bad Segeberg.

In Schleswig hatte Diplom-Pädagogin Angela Dronia bisher mit rund 100 Betroffenen zu tun, denen es ähnlich ging wie Daniel Kolbe. Wie lange sie ihre Arbeit noch machen kann, weiß sie nicht. Die Fachstelle wird vom Deutschen Hilfswerk der Fernsehlotterie gefördert, aber nur noch bis Anfang des kommenden Jahres. Nach jetzigem Stand ist danach Schluss.

Das wäre nicht das Ende aller Therapie-Angebote für Mediensüchtige, aber ohne Anlaufstellen mit fachkundiger Beratung, sagt Angela Dronia, würden viele Betroffene den Weg zur Therapie womöglich gar nicht finden. Daniel Kolbe verbrachte gerade acht Wochen in der Fachklinik Nordfriesland in Bredstedt. Für eine solche Behandlung zahlt nicht die Fernsehlotterie, sondern die Krankenkasse – unter dem Stichwort „Impulskontrollstörung“. Als eigenständige Krankheit ist Mediensucht bislang nicht anerkannt.

Dabei geht eine Studie, die das Bundesgesundheitsministerium vor drei Jahren herausgab, von bundesweit 560 000 Betroffenen aus. Überwiegend sind es Jugendliche und junge Erwachsene. Doch es hat auch schon eine 62-Jährge bei Angela Dronia Rat gesucht. Genau wie Daniel Kolbe war sie Online-Rollenspielen verfallen.

Dabei betont die Beraterin, dass nicht der Umgang mit dem Computer als solcher problematisch sei. Oft hat sie schon Eltern, die bei ihr anriefen, beruhigen können. „Wenn der Sohn oder die Tochter für ein paar Tage in ein neues Computerspiel vertieft ist, muss man sich noch keine Sorgen machen“, sagt sie. Von Medienabhängigkeit spricht Angela Dronia erst, wenn jemand über mehrere Monate Hobbys und Freunde, Schule oder Beruf vernachlässigt.

So wie es Daniel Kolbe erging. Ob er seine Sucht dauerhaft überwunden hat, weiß er noch nicht. Einen ersten Rückfall hat er schon hinter sich. „Vielleicht werde ich noch einmal zum Auffrischen nach Bredstedt in die Klinik gehen“, sagt er. Aber vielleicht findet er nun auch den direkten Weg zurück ins richtige Leben. Nach den Sommerferien möchte der 22-Jährige wieder mit der Schule beginnen und die Fachhochschulreife nachholen.

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