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Schleswiger Nachrichten

19. Oktober 2017 | 11:14 Uhr

Menschen des Jahres : Kandidatin 2: Jutta Just

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Jutta Just aus Fahrdorf ist Flüchtlngslotsin der ersten Stunde. Sie opfert täglich fünf bis sechs Stunden für die ehrenamtliche Arbeit.

von
erstellt am 04.Nov.2015 | 07:44 Uhr

Kaum hatte Jutta Just das Wohnmobil abgestellt und nach einer längeren Auszeit ihr neues Zuhause in Fahrdorf bezogen, da wartete gleich eine Aufgabe auf die Ruheständlerin, von der sie zuvor nicht einmal geträumt hatte. Die Zahl der Flüchtlinge, die nach Schleswig-Holstein kamen, begann gerade erst zu steigen, als Pastor Witold Chwastek an ihre Tür klopfte, um sie, die Neubürgerin in der Gemeinde, zu begrüßen. Das Gespräch kam schnell auf die Asylbewerber, die auch in Fahrdorf eine Bleibe suchen würden. „Da muss man doch etwas tun können“, war Jutta Justs Gedanke, den sie auch aussprach, um bereits drei Tage später beim ersten Treffen einer Gruppe Gleichgesinnter dabei zu sein. Das war im Februar 2014. Die erste Familie aus Afghanistan wurde angekündigt. „Wer möchte Pate sein?“ Jutta Just sagte zu. „Okay, ich spring ins kalte Wasser!“

Der Einstieg in ein Ehrenamt, das Jutta Just bisweilen extrem fordert, aber auch ungemein bereichert. „Ich bin in meinen Leben schon viel gereist. Aber jetzt lerne ich deutlich mehr über fremde Kulturen.“ Sich die Andersartigkeit dieser Kulturen zu vergegenwärtigen und offen auf die fremden Menschen zuzugehen, die Hilfe und Schutz suchen, das sei erfüllend, sagt sie. Und zunächst schwierig. „Als wir die afghanische Familie abholten, konnten wir uns nicht verständigen – nicht mit Sprache und nicht mit Mimik. Und trotzdem hat es irgendwie geklappt.“

Inzwischen hat nicht nur Jutta Just reichlich Erfahrung gesammelt, wie der Umgang mit den Menschen aus fremden Kulturkreisen besser gelingt und man ihnen Hilfestellung geben kann. Die Gruppe im Amt Haddeby, die Jutta Just koordiniert, wuchs und wuchs. Inzwischen, sagt sie, habe sie 90 Menschen im E-Mail-Verteiler. Eine Lehrergruppe mit nahezu 40 Mitgliedern ist hinzugekommen, auch eine Freizeitgruppe mit mindestens 20 Ehrenamtlichen. Die Bandbreite der Helfer reicht von Senioren mit eigener Fluchterfahrung bis hin zu Schülern, die ihre wenige Freizeit opfern. Die Zusammenarbeit mit DRK und Kirche sowie Helfern in Schleswig wurde intensiviert, und auch Kontakte in weitere Ämter wurden geknüpft, um andere von den inzwischen reichhaltigen Erfahrungen profitieren zu lassen.

Für die 64-jährige gelernte Sozialpädagogin, die lange für eine gesetzliche Krankenkasse in Flensburg gearbeitet hat, verheiratet ist und bereits ehrenamtlich in der Frauenarbeit aktiv war, bedeutet das inzwischen einen Fünf- bis Sechsstundentag. Die afghanische Familie betreut sie noch immer, wenn es nottut, außerdem hat sie sich einer syrischen Familie angenommen und betreut drei weitere junge Männer bei den ersten Schritten in einer völlig fremden Welt. Der Flur ihres Hauses gleicht einem Lager für Bau-Utensilien. Wer für eine Flüchtlingsunterkunft Betten oder Regale zusammenbauen muss, der weiß, wo er Werkzeug finden kann.

Dass sie für den Preis „Menschen des Jahres“ nominiert wurde, sei eine große Ehre, sagt sie. Eine Ehre, die nicht nur ihr gebühre, sondern auch vielen anderen Helfern, die täglich mit Zeit und Energie bereitstehen, um sich der Hilfe suchenden Menschen anzunehmen. Sie sieht neben den Herausforderungen, die der Flüchtlingszustrom bedeutet, auch Chancen, die dann umso größer sind, „je eher wir beginnen, die Menschen einzubeziehen und bereit sind, ihnen Einblick in unsere Leben zu gewähren“.

 
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