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Syrien-Einsatz der Bundeswehr : Kampf gegen den IS: Fliegerhorst in Jagel als Logistik-Zentrum

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Jagel werden Großgerät und 190.000 Kubikmeter Material für den Syrien-Einsatz verpackt und verschickt.

Flensburg | „Jageler Tornados starten zum Syrien-Einsatz.“ Mit solchen und ähnlichen Schlagzeilen berichteten die Medien vor wenigen Tagen über den Auftrag des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51, Stellungen der Terrororganisation IS auszukundschaften. In den vorangegangenen Pressekonferenzen waren vor allem die Piloten gefragte Gesprächspartner – kein Wunder, denn sie begeben sich schließlich über feindliches Gebiet und damit auch in Gefahr. Bei dem Blick auf die Tornados, ihre Piloten und die politische Bewertung der Unternehmung rückt in den Hintergrund, welch organisatorischer und logistischer Aufwand hinter dem Einsatz steht.

„Ein Soldat, der sich nicht wohl fühlt und nicht nach Hause kommunizieren kann, ist nur halb so viel wert“, sagt Hauptmann Hans Bruhn, der die so genannte Sammelstelle auf dem Fliegerhorst in Jagel leitet. Die Aufgabe hier lautet: Alle Güter, die für den Einsatz der Tornados gebraucht werden, zu beschaffen, zu verpacken und auf den Weg ins rund 3500 Kilometer entfernte süd-türkische Incirlik zu bringen.

Dort, unweit der Grenze zu Syrien, sind die Kameraden auf einem 1800 Hektar großen Gelände zusammen mit den Amerikanern und Engländern stationiert. Insgesamt, so haben die Logistik-Experten errechnet, geht es um 190.000 Kubikmeter Material mit einem Gewicht von 110 Tonnen – nicht eingerechnet rund 65 Tonnen Großgerät.

Bei der Fracht handelt es sich um Elektronik, Fitnessgeräte, Wohnmöbel, Kommunikationsmittel aller Art, Ergänzungen für die sanitären Anlagen, aber auch um Ersatzteile für die Düsenjäger bis hin zu kompletten Triebwerken und Spezialfahrzeugen. Gearbeitet wird unter Zeitdruck: Bis spätestens 8. Januar muss alles bestellte Gerät angekommen sein. Dann beginnen die Einsätze.

Hauptmann Hans Bruhn hat sich die Verhältnisse in Incirlik im Vorfeld genau angeschaut. Im Geschwader sind zwar ausreichend Erfahrungen durch die Einsätze auf dem Balkan und in Afghanistan vorhanden, doch jeder Ort habe seine Eigenheiten. „Nur wenn man sich selbst ein Bild gemacht hat, kann man einschätzen, was dort unten wirklich gebraucht wird“, sagt Bruhn.

„Annahme und Versand“ nennt der Hauptmann scherzhaft die Aufgabe, mit der 30 Spezialisten in Jagel jeden Tag von 7 bis 20 Uhr im Schichtdienst und teilweise unter Flutlicht beschäftigt sind. Einfach einpacken und los – das geht hier nicht. Es handelt sich schließlich um einen militärischen Einsatz. Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Ladungssicherung in den Containern, bei der Kreativität gefordert ist.

Damit beispielsweise in einem Raum voller silberfarbener Kisten mit empfindlicher Elektronik auch dann nichts wackelt, verrutscht oder durcheinanderfliegt, wenn der Sattelzug eine Vollbremsung macht oder später das Transportflugzeug in ein Luftloch gerät, werden sie mit stabilen Holzkonstruktionen fixiert. Routine gibt es hier nicht, jeder Container ist eine Sonderanfertigung. Und benutzt werden darf nur spezielles Holz – so soll das Einschleppen von Schädlingen verhindert werden.

Für erheblichen bürokratischen Aufwand sorgen die Zollbestimmungen. „Es muss penibel beschrieben und dokumentiert werden, was sich im Detail in den Containern befindet“, erklärt Hauptmann Bruhn, „einfach mal einen Koffer dazustellen – das geht nicht. Die Türken wollen schon wissen, was wir ins Land bringen. Aber das würden wir wohl auch so halten.“

Ein Großteil der Fracht wird per Lkw nach Leipzig gefahren und von dort mit riesigen ukrainischen Antonow-Frachtmaschinen in die Türkei geflogen. Für Jagel sind die Giganten zu groß. Mehr als zehn Flüge sind für die Jageler reserviert. Geflogen wird in erster Linie schnell benötigte oder militärisch sensible Fracht – alles andere wird durch speziell lizenzierte Speditionen per Lkw transportiert.

Für die Fahrer gelten strenge Bedingungen. Sie müssen in Jagel Papiere vorweisen, die sie zum Transport von Gefahrgut militärischem Gerät berechtigen. Für alle Fahrzeuge, die auch doppelt besetzt sind, gilt: Durchfahren ist Pflicht. Übernachtungen auf einem Rastplatz sind bei dieser Fracht tabu.

50 Prozent der Container sind bereits unterwegs, nur ein Viertel der Gesamtmenge muss noch verpackt werden. Für die Logistik-Fachleute in Jagel ist Licht am Ende des Tunnels ins Sicht. Der Zeitplan wird sicher eingehalten, und vielleicht werden einige sogar ganz normal Weihnachten und Silvester feiern können.

Hans Bruhn ist allerdings davon überzeugt, dass die „Abteilung Annahme und Versand“ auch weiterhin gut beschäftigt sein wird. Denn die Maschinen werden mindestens ein Jahr in der Türkei stationiert bleiben. Und da ist der Nachschub aus der Heimat existenziell wichtig für den militärischen Einsatz und das persönliche Wohlbefinden.

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erstellt am 18.Dez.2015 | 19:44 Uhr

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