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Juristen-Kritiker wagte sich in die Höhle des Löwen

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"Spiegel"-Redakteur Thomas Darnstädt las im Oberlandesgericht

Schleswig | "Es erfordert Mut, mich hier in die Höhle des Löwen zu setzen, in die des Roten Elefanten", scherzte Thomas Darnstädt am Dienstagabend, während er sein mit Zetteln und Klebestreifen präpariertes Buch aufschlug und seinen Blick über das Publikum schweifen ließ. 110 Gäste füllten den Plenarsaal des Oberlandesgerichts und schauten ihn erwartungsvoll an - gut 20 Prozent der Zuhörer waren die erwähnten Löwen, in deren Höhle sich Darnstädt gewagt hatte: Juristen.

Fast wäre er selbst einer von ihnen geworden. Als ausgebildeter Jurist schlug er aber nicht die Laufbahn eines Richters ein, sondern wurde Redakteur beim Spiegel und nimmt seitdem den deutschen Rechtsstaat kritisch unter die Lupe - in seinem aktuellen Buch speziell Justizirrtümer. "Der Richter und sein Opfer - wenn die Justiz sich irrt" heißt es und enthält unter anderem den Fall eines bayerischen Bauern, den Darnstädt im OLG beispielhaft vorstellt.

Ein Beamer warf die Frage "Was geschah mit Rudi Rupp?" an die Wand. Dieser Fall beschäftigte in den darauffolgenden Stunden die Zuhörer. Darnstädt berichtete, was passiert war. Teils frei erzählend, teils aus seinem Buch vorlesend zog er sein Publikum in das Geschehen hinein und schilderte den grotesken Fall: Der Landwirt Rudi Rupp wurde von seiner Gattin als vermisst gemeldet. Durch die Aussagen von Frau Rupp, den beiden Töchtern und dem Verlobten einer Tochter kam das Gericht zu dem Urteil, der Mann sei von seiner Familie erschlagen, zerteilt und den Hoftieren zum Fraß vorgeworfen worden. Jahre nachdem seine Angehörigen als "Mörderbande verknackt wurde", wie Darnstädt sagte, wurde jedoch die Leiche des Herrn Rupp in seinem Wagen auf dem Grund eines Flusses gefunden - unversehrt. Nicht erschlagen, nicht zerteilt und nicht angefressen. "Es klingt zynisch, aber ihm fehlte nichts", brachte es der Autor auf den Punkt.

Dieser spektakuläre Justizirrtum ist nur einer von mehreren im Werk des Journalisten, womit er sagen wollte: kein Einzelfall. Er unterstellte einen Fehler im System der Strafjustiz und machte den klaren Vorwurf: "Die Justiz ist das einzige Großunternehmen, das sich leisten kann, nicht aus seinen Fehlern zu lernen", da Richter keine Konsequenzen zu fürchten hätten. Darnstädt redete sich in Rage. Die Leidenschaft zum Thema und die Wut auf das System schwangen in seiner Stimme mit. Als sein Vortrag endete, war er aber nicht der einzige Wütende im Raum. In der Höhle des Löwen wurde es ungemütlich.

Generalstaatsanwalt Wolfgang Müller-Gabriel war genau so entrüstet wie OLG-Präsidentin Uta Fölster und ihr Stellvertreter Heinz-Karl Waßmuth sowie die vielen anderen anwesenden Juristen. Es überraschte nicht, dass die Diskussion teils hitzig wurde, schließlich brachte der Autor Statements wie: "Die Wahrheit - wenn sie der Justiz nicht entgegenkommt - hat keine Chance." Fölster merkte man ihren Unmut deutlich an, als sie sagt: "Das waren viele wichtige Anstöße, aber die leiden unter ihrer grotesken Überspitzung." In die gleiche Kerbe schlug der Generalstaatsanwalt: "Sie sind Journalist - sie müssen überzeichnen, um wahrgenommen zu werden, aber das greift mir zu kurz." Er wolle die Schleswiger nicht mit dem Gefühl nach Hause schicken, die Juristen seien Wahrheitsmanipulateure, sagte er, und beeilte sich, die eigene Zunft wieder ins rechte Licht zu rücken. Vieles von dem, was der Autor gesagt habe, sei falsch gewesen, betonte Fölster. Trotzdem nähmen sie und Waßmuth sich vor, Justizirrtümern durch Fortbildungen weiter entgegenzuwirken und besonders ihr eigenes Fehlerbewusstsein und die kritische Beleuchtung ihrer Arbeit zu pflegen. "Wir sitzen nicht im Elfenbeinturm, wo wir nicht kritisiert werden", so Fölster. Und Waßmuth: "Jeder Fehler, der uns passiert, gehört uns vorgehalten."

Darnstädt nahm eine Erkenntnis aus Schleswig mit, ließ aber auch eine klare Kritik da: "Nach dieser Diskussion bin ich überzeugt, dass die Verantwortlichen den Fehlern, die sie finden, auch nachgehen. Aber meine Recherche zeigt: Sie finden zu wenige."

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erstellt am 15.Aug.2013 | 03:09 Uhr

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