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Schleswiger Soldatenfriedhof : Jugendliche aus ganz Europa geben den Toten ihre Namen zurück

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

16 Jugendliche aus ganz Europa haben in den letzten zwei Wochen den Soldatenfriedhof an der Husumer Straße neu hergerichtet.

„Wenn wir an den Gräbern vorbeigehen, lesen wir die Namen der Toten und sprechen sie laut aus“, erzählt Jerôme Laubenthal, „wir geben ihnen ihre Namen zurück. Wir erinnern uns an sie und das finde ich sehr wichtig.“ Auf seinem Schoß liegt ein dicker Stapel mit einer langen Namensliste, die er mit den Namen und Daten auf den Grabsteinen vergleicht. „Meine Aufgabe ist die genaue Kartierung der Gräber. Ich kontrolliere und aktualisiere diese Liste.“ Der junge Mann aus dem Saarland ist nicht allein hier auf dem „Neuen Militärfriedhof' an der Husumer Straße. An seiner Seite sind neben Svea aus Bad Oldesloe, Wiktoria aus Warschau, Egor aus Kishinev und noch weitere 26 Jugendliche im Alter von 16 bis 21 Jahren. Sie kommen aus Deutschland, Ungarn, Italien, Weißrussland, der Ukraine und der Türkei, aus Serbien, Moldawien und Polen. Sie alle nehmen am 40. Internationalen Workcamp in Schleswig-Holstein, einer Initiative des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, teil. Seit über 50 Jahren bringt der Volksbund unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“ junge Menschen aus einst verfeindeten Ländern zusammen. „Früher lag der Fokus auf der praktischen Arbeit“, erklärt Eric Ossowski, der das Camp leitet, „heute stützen wir uns auf drei Säulen: Arbeit, Bildung und Begegnung.“ Gemeint ist die Arbeit auf dem Friedhof. Dort übernehmen die Jugendlichen pflegerische Aufgaben, beschneiden Bäume und Sträucher, jäten Unkraut, fegen die Wege und malen die Namen und Daten auf den Grabsteinen nach. „Besonders das Nachmalen der Namen ist eine Sisyphusarbeit, die im Rahmen der normalen Pflege einfach nicht zu schaffen ist“, erklärt Arne Kähler von den Umweltdiensten der Stadtwerke Schleswig, „ihre Arbeit entlastet uns gewaltig.“ Während der zwei Wochen des Camps sind allein bei rund 400 Gräbern, die Namen und Daten nachgezogen worden. „Wenn man vor so einem Grab sitzt und einen Namen nachmalt, dann denkt man natürlich auch über den Menschen nach, der dort begraben liegt“, weiß Hanna Henkel, stellvertretende Landesvorsitzende des Volksbundes, „ganz unweigerlich fragt man sich, welche Pläne er wohl für sein Leben hatte.“ Die Jugendlichen teilen diese Gedanken, die man nicht einfach am Abend abstreifen kann. Das Camp hilf ihnen dabei, sie einzuordnen und zu verarbeiten.

Das zweite Standbein ist die Bildung. Themen wie Menschenrechte stehen dabei auf dem Programm, aber auch die Geschichte des Ortes, an dem man zu Gast ist. Die dritte Säule heißt Begegnung. Jugendliche verschiedener Nationen treffen sich, lernen sich und die Kultur der anderen kennen. „Jeden Abend hat sich eine Nation vorgestellt. Wir sind so verschieden und dennoch arbeiten wir an einem Projekt. Gemeinsam“, erzählt Marko Levandovskyi (19). Als einziger Teilnehmer ist er aus der Ukraine angereist und hat von seinem Großvater viel über den Krieg gehört. Das hat ihn neugierig gemacht und er wollte einfach mehr wissen. Deshalb ist er in den Ferien hierher gekommen.

Die Begegnungen beschränken sich nicht auf die Arbeit. Ein umfangreiches Rahmenprogramm gibt den Teilnehmern Einblicke in die Kultur des Gastlandes. Der Volksbund unterstützt die Workcamps und trägt auch mit seinen Bildungs- und Begegnungsstätten in Deutschland, Belgien, Frankreich und den Niederlanden maßgeblich zum gegenseitigen Verständnis bei. „Vielen ist vielleicht gar nicht bekannt, dass für uns die Jugendarbeit eine so große Rolle spielt“, vermutet Hanna Henkel. Während der Workcamps werden Kriegsgräber für junge Menschen zum Lernort der Geschichte und zu Mahnmalen für den Frieden. In der aktiven Auseinandersetzung mit Kriegsgräbern sollen dabei demokratische Werte, Offenheit und Toleranz vermittelt werden.

Das Prinzip funktioniert. „Es ist immer wieder schön zu sehen, wie unvoreingenommen und selbstverständlich die Jugendlichen aufeinander zugehen“, betont Eric Ossowski. Politische und historische Zusammenhängen bleiben außen vor, man ist einfach im Hier und Jetzt.

Heute geht das Workcamp zu Ende. Die Jugendlichen reisen zurück in ihre Heimatländer. Nach zwei Wochen Arbeit sieht der Militärfriedhof beinahe aus wie ein Park. „Dieser Friedhof soll ein Ort der Begegnung sein, nicht der Trauer. Hier sollen die Menschen spazieren gehen und verweilen. Innehalten. Zur Ruhe kommen“, betont Hanna Henkel.

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erstellt am 11.Aug.2017 | 15:17 Uhr

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