zur Navigation springen

Investition von 100 Millionen Euro : Jetzt haben die Kritiker das Wort

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Netzbetreiber Tennet stellt Pläne für neue Höchstspannungsleitung im Norden Schleswig-Holsteins zur Diskussion.

Die Menschen im Norden Schleswig-Holsteins leben in besonders intensiver Weise mit der Energiewende – manche mehr schlecht als recht, wenn sie auf Windkraftanlagen schauen oder von Maisfeldern für Biogasanlagen umgeben und dem Ernte-Verkehr ausgesetzt sind. Andere recht gut. Sie profitieren als Betreiber von regenerativer Energie-Technik, sind quasi aktiver Teil der Wende. So gegensätzlich die Befindlichkeiten, so unterschiedlich sind die Rückmeldungen, die der Netzbetreiber Tennet für sein Stromtrassen-Projekt in den vergangenen Monaten erhalten hat. Die Planungen für eine neue Höchstspannungsleitung (380 Kilovolt, kV) durch das Kreisgebiet sind inzwischen abgeschlossen und bei der Genehmigungsbehörde eingereicht.

Was der Kieler Behörde – dem Amt für Planfeststellung Energie Schleswig-Holstein (AfPE) – jetzt vorgelegt wurde, sei bereits das Ergebnis einer eineinhalbjährigen intensiven Zusammenarbeit mit den Bürgern in den betroffenen Orten, heißt es von Seiten Tennets. Man habe auf möglichst große Transparenz gesetzt, um die Auswirkungen auf Mensch und Natur so gering wie möglich zu halten. Bereits Anfang vergangenen Jahres hatte das Unternehmen in Jübek ein Projektbüro eingerichtet, an das sich Bürger wenden konnten, wenn sie Fragen oder Einwände zu der geplanten Höchstspannungsleitung zwischen Schacht-Audorf (Rendsburg-Eckernförde) und dem Umspannwerk Handewitt hatten. Zudem wurden mehrere Info-Messen angeboten.

Die Landsregierung rechnet in diesem Jahr mit einer erzeugten Leistung von 9000 Megawatt vor allem aus Windkraftanlagen in Nordfriesland und Schleswig-Flensburg. Davon werden nur 2000 Megawatt direkt im Norden verbraucht. 7000 Megawatt sollen in die Mitte und den Süden Deutschlands fließen – dafür ist der Ausbau der Nord-Süd-Stromtrasse unabdingbar. Eine bestehende 220-kV-Leitung aus dem Jahr 1963 wird durch eine 380-kV-Leitung ersetzt. Sie verläuft auf einer Länge von 70 Kilometern durchs Kreisgebiet – Kosten für diesen Abschnitt: rund 100 Millionen Euro.

Dieser Tage laufen weitere Messen in der Region, auf denen Tennet den nun geplanten Trassenverlauf im Detail erläutert. Elf Aktenordner mit Kartenmaterial, dazu eine Wand voller Luftbilder, auf denen jeder einzelne Strommast-Standort verzeichnet ist, dienen den Mitarbeitern zur Veranschaulichung. „Wir haben mehrere Hundert Hinweise erhalten und soweit wie möglich in die Pläne eingearbeitet“, erklärt Tennet-Mitarbeiter John Karl Herrmann, der bei den Informationsveranstaltungen als „Bürgerreferent“ fungiert. Wo sich Spielräume ergeben hätten, habe man diese genutzt, um den Verlauf der Trasse zu optimieren.

Derzeit verlaufen eine 380- und eine 220-kV-Leitung weitgehend parallel von Süden durch das ganze Kreisgebiet bis nach Kassö in Dänemark. An manchen Stellen, zum Beispiel bei Tarp, trennen sich die Verläufe aber. Eine Leitung verläuft westlich, eine aber östlich der Gemeinde. Würde Tennet die bestehende 220-kV-Leitung nur eins zu eins durch die neue Leitung ersetzen, bliebe sie ein Entwicklungshindernis für die Gemeinde. „Deshalb haben wir uns entschieden, künftig beide Leitungen östlich an der Autobahn entlangzuführen“, so Herrmann.

Die Gesprächsatmosphäre sei bei sämtliche Informationsveranstaltungen bisher „sehr gut und sachlich“ gewesen, sagt Hermann – „anders als beispielsweise an der Westküste“. „Man merkt sehr deutlich, dass die Menschen hier sowohl von der Netzbegrenzung als auch vom Netzausbau betroffen sind“, betont er. Bei einem Termin habe er beispielsweise zwei Gespräche mit Bürgern aus dem Raum Schuby geführt, einer habe sich über die Planung der neuen Leitung beschwert, der andere über die zeitweise Stilllegung seiner Windkraftanlage aufgrund von Netzengpässen. Herrmann: „Hier, wo der Strom erzeugt wird, kann man den Sinn der neuen Leitung viel besser vermitteln als in reinen Transitregionen.“

Gleichwohl steckt der Teufel manchmal im Detail: Darauf machten in Silberstedt beispielsweise Ernst Hagge Ellhöft und Tochter Tanja Christensen aufmerksam. „Wir wollen auf unserem Grund keinen Mast. Das haben wir schon letztes Jahr deutlich gemacht, nun ist der doch eingezeichnet“, sagt Hagge Ellhöft. Und auch die über ihren Grund verlaufenden Leitungen der Windmüller aus der Umgebung seien überhaupt nicht berücksichtigt. Auch dass nur 500 Meter von ihrem Hof entfernt außer der 380-kV-Leitung von einem anderen Netzbetreiber ein neues Umspannwerk gebaut werden soll, regt die beiden auf. Tanja Christensen: „Wir sind durch Biogasanlagen, Strommasten und Windkraftanlagen sowieso schon stark belastet. Das geht so nicht!“

Ihre Einwände können sie noch bis zum 7. Mai schriftlich im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung beim AfPE geltend machen. Bis zu diesem Tag liegen die Pläne auch in den Amtsverwaltungen öffentlich aus. Das formale Verfahren sieht vor, dass sich die Behörde anschließend mit allen Einwänden beschäftigt und zu Erörterungsterminen einlädt. Tennet rechnet damit, die neue Leitung im Jahr 2017 fertigstellen zu können.

 

zur Startseite

von
erstellt am 24.Apr.2015 | 07:18 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen