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Rettungseinsatz im Mittelmeer : Jens Engel aus Havetoft: „Da musst du helfen“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Jens Engel aus Havetoft hat drei Monate unbezahlten Urlaub genommen, um auf Lesbos Flüchtlingen zu helfen.

An den Tag seiner Entscheidung kann sich Jens Engel noch genau erinnern. „Am 2. Oktober habe ich im Fernsehen einen Beitrag über die Insel Lesbos gesehen. Dort landete ein überfülltes Boot mit Flüchtlingen an, vier oder fünf Kinder mussten nach den Strapazen reanimiert werden. Ich wollte einfach nicht glauben, dass dort am Strand keine der großen Hilfsorganisationen arbeitet. Da gibt es tatsächlich nur Freiwillige.“ Für den 37-Jährigen aus Havetoft stand plötzlich fest: Da musst Du helfen, so gut es eben geht.

Am nächsten Tag besprach er sich mit seiner Freundin, dann beantragte er bei seinem Arbeitgeber, der Stadt Flensburg, drei Monate Sonderurlaub. Heute fliegt er mit seinem Notfallrucksack nach Lesbos. Die griechische Insel vor der türkischen Küste war lange als Urlaubsparadies bekannt. Inzwischen aber steht der Name stellvertretend für das staatliche Versagen in der Flüchtlingsfrage. Fast eine halbe Million Menschen sind in diesem Jahr schon auf Lesbos angelandet. Obwohl das Wetter inzwischen merklich kühler geworden ist, kommen jeden Tag noch bis zu 120 Boote über die sogenannte Türkei-Route. 130 Tote wurden seit Oktober dort gezählt. Wer es an den Strand schafft, ist erschöpft, hungrig, unterkühlt. Staatliche Unterstützung sucht man vergebens. Es sind Freiwillige aus ganz Europa, die mit Lampen am Strand stehen, um den Booten den richtigen Weg zu leuchten, die Kindern und Frauen an Land helfen, ihnen eine warme Decke reichen, sie mit Essen versorgen und auch medizinisch betreuen.

Jens Engel weiß, worauf er sich einlässt. Der Havetofter hat einmal Politikwissenschaften studiert, war lange Zeit als Rettungsassistent tätig und arbeitet zurzeit im Kinder- und Jugendbüro der Stadt Flensburg. Wenn er nun Freunden und Bekannten von seinem Vorhaben erzählt, wird er häufig gefragt, ob es hier nicht genügend Wichtiges zu tun gibt. „Doch, gibt es ganz sicher“, antwortet er. Aber im Vergleich zu der Situation auf Lesbos gehe es hierzulande doch relativ entspannt zu. „Dort handelt es sich schlicht um eine humanitäre Katastrophe. Und da möchte ich mich so gut wird möglich einbringen. Menschen in Not von Angesicht zu Angesicht helfen.“ Und vielleicht auch das Gefühl von Hilflosigkeit, Trauer und Wut bekämpfen, das sich beim Anblick des Leids einstellt.

Wie genau das aussehen wird, weiß Jens Engel noch nicht. Er hat sich über das Internet über die zahlreichen Freiwilligen-Organisationen informiert, einige auch angeschrieben. Antwort kam selten. Der Eindruck: Es geht auf Lesbos relativ chaotisch zu. Auch unter den Helfern. Engel ist sich auch bewusst, dass es Hilfsorganisationen gibt, die ihren Einsatz im Mittelmeer vornehmlich dazu nutzen, um für sich zu werben und Spenden einzutreiben. „Da muss man schon genau hinschauen. Aber ich bin überzeugt davon, dass es richtig ist, mich dort zu engagieren. Ich werde eine Aufgabe finden, bei der ich meine Fähigkeiten richtig einsetzen kann.“

Dennoch – seit seinem Entschluss hat sich Jens Engel immer wieder einmal gefragt, ob er das richtige tut. „Mir ist klar, dass meine Hilfe auf Lesbos nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Eigentlich müsste man in die Politik einsteigen, um Grundsätzliches zu bewirken“, sagt er. Aber Engel ist Rettungsassistent – und kein Politiker. Also tut er das, was er kann.

Bis Ende Februar will er auf Lesbos bleiben – auch über die Feiertage. „Gerade diese Zeit ist wichtig, weil viele andere Freiwillige Helfer über Weihnachten nach Hause fahren.“

Jens Engel reist mit einem Beatmungsgerät im Rucksack nach Lesbos, eine Unterkunft hat er noch nicht. „Viele Hotels haben ihre Preise erhöht, weil sie das Geschäft mit Journalisten und Helfern machen wollen. Es gibt aber eine Unterkunft, die Zimmer für zehn Euro anbietet.“ Dort hatte der er zunächst reserviert, dann aber mitbekommen, dass sein Bett inzwischen wieder vergeben ist. Es herrscht eben Ausnahmezustand.

Während seines zwölfwöchigen Sonderurlaubs wird Jens Engel von seinem Arbeitgeber nicht bezahlt. Er finanziert seine Hilfsaktion durch eigene Ersparnisse und die Unterstützung von Freunden. Zudem hat die Kirchengemeinde Havetoft ein Unterstützerkonto eingerichtet.


Kirchenkreis Schleswig-Flensburg,

IBAN: DE492175 0000 0000 068888
Verwendung: „3700/3310.02200 Jens Engel“

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von
erstellt am 07.Dez.2015 | 17:39 Uhr

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