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Jürgen von der Lippe in Schleswig : Jedes Lachen saß

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Multitalent Jürgen von der Lippe unterhielt sein Publikum mehr als zwei Stunden lang mit seinem neuen Buch – und mit der Blockflöte.

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erstellt am 09.Feb.2015 | 07:20 Uhr

Im Fernsehen ist Jürgen von der Lippe schon seit Jahren nur noch selten zu sehen. Seiner Popularität hat das offensichtlich nicht geschadet. Sein Auftritt in der „Heimat“ auf der Freiheit am Sonnabend war schon Wochen im Voraus ausverkauft, und die 600 Besucher erlebten einen Künstler, der sich mit seinen inzwischen 66 Jahren kaum verändert hat, seit er 2001 von der großen Samstagabend-Bühne verschwand. Der Bart war etwas grauer als zu den Zeiten, als er im Ersten „Geld oder Liebe“ moderierte, die Hemdfarbe nicht mehr so schrill.

Routiniert gelang es ihm innerhalb von Minuten, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Einfach, indem er lachte. Einmal wie Didi Hallervorden, einmal wie Herbert Grönemeyer, einmal wie Roberto Blanco. Und jedes Lachen saß. Dann ging es los: Jürgen von der Lippe las aus seinem Buch „Beim Dehnen singe ich Balladen“, das erst vor vier Wochen erschienen ist und bereits auf Platz sechs der Bestseller-Liste steht. Es enthält viele kleine Geschichten mit Wortspielen im Stile eines Heinz Erhardt, mit Alltagsbeobachtungen in der Tradition von Loriot und manchmal auch schlicht gestrickten Mann-und-Frau-passen-nicht-zueinander-Szenen á la Mario Barth.

Jürgen von der Lippe machte aus jeder Geschichte ein kleines Hörspiel. Wer mehr davon wollte, griff am Büchertisch in der Pause sicherheitshalber zur Hörbuch-Version, denn ohne die wandlungsfähige Stimme des Verfassers, das ahnte man, sind viele der Geschichten nur halb so lustig. Zum Beispiel der herrliche Dialog zwischen einem Arzt und seinem Patienten, der mit den Worten beginnt: „Herr Doktor, ich hatte gestern Ameisen im Stuhl.“ Im Verlauf des Diagnosegesprächs findet der Arzt heraus, dass sein Patient sich nicht auf der heimischen Toilette entleert hat und beginnt zu verstehen: „Sie haben einen Haufen in den Wald gesetzt und wundern sich, woher die Ameisen kommen? Die wohnen im Wald, die waren praktisch schon vor Ihnen da und haben sich ihrerseits gewundert, woher der Haufen kommt.“ Die Moral dieser Geschichte: Wer ein Medizinstudium aufnehmen möchte, sollte sich das genau überlegen, denn man kann sich seine Patienten nicht immer aussuchen.

Wenn man hingegen ein Unterhaltungsgenie ist wie Jürgen von der Lippe, kann man sich zwar sein Publikum auch nicht immer aussuchen, man kann es aber auf charmante Weise zur Raison bringen, wenn einen das Geräusch nervt, das Flaschen auslösen, wenn sie ruckartig auf hartem Steinboden abgestellt werden. Nach ein paar dezenten Spitzen von der Bühne ließen die Biertrinker unter den Zuhörern ausgesprichene Vorsicht walten.

So war es mucksmäuschenstill, als der Entertainer eine Seite seines Könnens zeigte, die ihn einst groß machte, die aber inzwischen fast vergessen scheint: Er machte Musik – mit der Blockflöte. Und er sang. Nicht seine alten Gassenhauer wie „Guten Morgen, liebe Sorgen“ oder „Kreuzberger Nächte sind lang“ wie einst mit den „Gebrüdern Blattschuss“, sondern einzelne Zeilen der unterschiedlichsten Lieder vom Gospel bis zur Arie. Und der Saal sang mit.

 

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