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Hilfe für Flüchtlinge : Jeden Mittwoch ist „Hartmut-Tag“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Flüchtlings-Ehepaar aus Armenien lebt seit Dezember in Großquern und freut sich über die Unterstützung des 79-jährigen Hartmut Richter.

Vardan Abdalyan und seine Ehefrau Araqsia stammen aus Armeniens Hauptstadt Jerewan (Eriwan). Jeder Mittwoch ist für sie etwas ganz Besonderes, denn dann ist „Hartmut-Tag“. Darauf freuen sie sich riesig – und ihr Betreuer Hartmut Richter ebenso. Dann holt er die beiden in Großquern ab, um mit ihnen in Steinbergkirche einzukaufen. Dabei schauen sie auf eine Einkaufsliste, die sie zuvor gemeinsam geschrieben haben. Und nach der Einkaufstour wird jedes Mal gemeinsam gekocht.

Das Einkaufen, das Kochen in Richters Küche in Neukirchen und das anschließende gemeinsame Essen sind für die beiden Armenier natürlich auch Mittel zum Zweck: Sie wollen noch besser Deutsch sprechen und die Sprache besser verstehen. Beide wissen: Diese ist das A und O, um in Deutschland heimisch zu werden, sich zu integrieren.

Das armenische Ehepaar – er ist 30, sie 24 Jahre alt – liebt es, bei Hartmut Richter zu Gast zu sein. Der Mittwoch sei für sie stets ein sehr schöner Tag, „er ist unser Opa“, sagen beide. Angesichts der 79 Lenze, die der einstige selbstständige Kaufmann zählt, durchaus nachvollziehbar. Er war einst in Nordfriesland tätig, hat sich dann in Neukirchen niedergelassen. Richter sagt, dass dieses deutsch-armenische Miteinander für ihn ein Geben und Nehmen bedeute, und das sei ihm wichtig. Er lädt sie gerne zu sich ein und ist als „Asyl-Lotse“ auch sonst viel mit dem Ehepaar unterwegs. Schließlich gibt es eine Vielzahl von Behördengängen zu erledigen. Und weil Vardan Abdalyan in Sachen Computer fit ist, hat Richter schon viel von ihm gelernt.

Was ihn beeindruckt ist, wie sehr die Eheleute in ihrem Glauben verwurzelt sind. Sie gehören der armenisch-apostolischen Kirche an. Symbol der Gläubigkeit sind Kreuze aus Pfirsich-Kernen, die der Armenier anfertigt – das ist sein Hobby. In Jerewan arbeitete er in einer Zementfabrik. Ehefrau Araqsia ist Krankenschwester.
Sie haben ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen, machten sich am 20. November 2014 mit einem Transit-Bus auf den Weg nach Deutschland – dafür investierten sie all ihr Erspartes. Drei Tage später trafen sie in der Erstaufnahme in Neumünster ein, wurden drei Wochen später an die Ausländerbehörde Schleswig weitergeleitet, bei der sie ihren Asyl-Antrag stellten. Von der Kreisstadt wurden sie dem Amt Geltinger Bucht zugewiesen, bezogen am 11. Dezember in Großquern unweit der Kirche eine Wohnung. Sie sind bemüht, ihr Leben neu aufzubauen – wollen für immer in Deutschland bleiben.

Dass ihnen Hartmut Richter zur Seite steht, sich für seine Schützlinge um Ausbildungsplätze bemüht, schätzen sie sehr. Vardan möchte etwas Handwerkliches erlernen oder seine Computer-Kenntnisse beruflich nutzen, seine Frau wäre gern als Krankenschwester tätig und möchte sich auch ehrenamtlich engagieren. Dazu Richter: „Ich habe Zeit, kann und will helfen.“

Zwei Mal pro Woche lernt das Ehepaar, das Armenisch, Russisch und ein kleines bisschen Englisch spricht, je eine Stunde im Kirchengemeinderaum von Steinbergkirche Deutsch. Für ihre Deutschkenntnisse im Alltag sind die Treffen mit Richter eine wichtige Ergänzung. „Hallo“, „Moin“, „Guten Tag“, „Mein Name ist...“ oder „Heute ist ein schöner Tag, die Sonne scheint“ – das alles kommt ihnen schon ohne Stocken über die Lippen. Beim Einkaufen im Supermarkt können sie ihre Sprachkenntnisse dann einsetzen und vor allem neue Wörter dazulernen. Weil sie von Tag zu Tag besser Deutsch sprechen, verständigen sich die beiden auch längst mit ihrem Nachbarn, einem aus dem Iran stammenden Architekten – auf Deutsch.

Und so zählen die Abdalyns auf, was sie für die Zubereitung von „Dolma“, ein armenisches Nationalgericht und vergleichbar mit kleinen Kohlrouladen, eingekauft haben: Karotten, Zwiebeln, Spitzkohl, Paprika, gemischtes Hack, Petersilie, Reis, Rot- und Schwarzpfeffer, Salz und Butter. Mit Richter wird das Gemüse geschnippelt und dann – natürlich unter der Regie der jungen Armenierin – gekocht. „Ich mag das“, sagt Hartmut Richter – und lässt es sich ebenso wie seine Gäste schmecken.

So sehr sich die beiden Asylbewerber auch gut auf- und angenommen fühlen: Es fällt ihnen schwer, den ganzen Tag in der Wohnung zu sitzen und vorerst nichts tun zu dürfen – da sind die „Hartmut-Tage“ eine höchst willkommene Abwechslung.

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