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XXL-Model Christin Thomsen : „Jede Modenschau ist Chaos“

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Schleswigerin Christin Thomsen ist als Plus-Size-Model europaweit erfolgreich und war auf der Fashion Week in Paris und London.

Wenn Christin Thomsen mit Jack-Russel-Hündin „Nono“ am Esstisch ihrer Schleswiger Wohnung sitzt, fällt es schwer, sich vorzustellen, wie sie auf der Londoner Fashion Week als Model über den Catwalk läuft. Nicht, weil sie mit Kleidergröße 54 kaum dem entspricht, was die meisten Menschen unter „Modelmaßen“ verstehen – sondern, weil Schleswig und die glamouröse Mode-Metropole auf zwei Planeten zu liegen scheinen.

Die Schleswigerin mit roten Haaren, Nasenring und dem sympathischen Lachen ist als Plus-Size-Model europaweit gefragt. Glamourös ist das allerdings selten. „Jede Modenschau ist Chaos“, sagt die 33-Jährige. Wer denkt schon daran, dass die Models hinter den Kulissen ihre Kleider aus einem Haufen Haute Couture herausfischen müssen, der aussieht „wie eine explodierte Kleiderbombe“? Nach zweieinhalb Jahren im Modezirkus hat Christin Thomsen normalerweise die Ruhe weg – London jedoch „war die Hölle“. Es war eng, dunkel, hektisch und zum ersten Mal dachte sie: „Das klappt nie.“ Am Ende standen aber doch alle Models in den richtigen Klamotten auf dem Laufsteg, „mit Verspätung“. Danach schmerzten die Füße, trotzdem „macht es wahnsinnig Spaß“.

Angefangen hat alles als Hobby. „Ich bin bodenständig und wollte eigentlich gar kein Model werden“, sagt die Bürokauffrau, die Vollzeit bei einem Husumer Energieunternehmen arbeitet. Zwar hat sie immer Spaß an Mode gehabt, aber an ihrem Arbeitsplatz „ist wichtig, was ich im Kopf habe, nicht darauf“, sagt Christin Thomsen und lacht. Ende 2012 schickte sie dann doch Fotos an eine Modelagentur – und wurde angenommen. Der erste Werbejob für Audi kam im März 2013. „Das war für ein Leichtbaufahrzeug, da brauchten die mich zum Kokettieren“, meint sie, ohne es übel zu nehmen. Auch die „Quotendicke“ zu sein, nimmt sie locker.

Anstrengend sei das Modeln nicht. „Das ist eine Berufung, kein Beruf“, betont sie, zumal sie davon nicht leben könnte. Über ihre Tagessätze darf sie laut Vertrag nicht reden, weiß aber: „Die normalen Models auf der Fashion Week verdienen zum Teil gar nichts. Sie nutzen es als Sprungbrett.“ Richtig findet Christin Thomsen das nicht. Schließlich sei Modeln richtige Arbeit – wie auch das Drehen fürs Fernsehen. So wird sie mittlerweile von RTL begleitet und gibt im TV Stylingtipps. „Manche Handgriffe muss man fünf oder sechs Mal machen.“

Das Geschäft sei schnelllebig. Meist erfährt sie kurzfristig von Terminen, hält daher immer eine Woche Urlaub zurück. „Die ersten zwei Jahre habe ich knallhart durchgearbeitet. Jetzt lasse ich es ruhiger angehen, möchte mich nicht verheizen, sondern den Job auch in drei Jahren noch machen“, betont sie. Zwar werde sie auf der Straße immer öfter erkannt, sehe sich aber nicht als Promi. Sie ist nur auf Facebook vertreten, hat keine eigene Homepage. „Ich bin etwas versteckt“, gibt sie zu: „Ich könnte schon Autogrammkarten drucken, möchte es aber nicht.“ Sie sei zu sehr Privatmensch, gerade geballte Aufmerksamkeit sei noch ungewohnt.

Hört sie auch mal negative Kommentare? „Kaum, und wenn, bin ich schlagfertig“ sagt das Model. Auf Sprüche wie fettes Schwein sei sie vorbereitet: „Ich würde erwidern: ‚Soll ich mal grunzen, damit ich authentischer bin?’“ Niemand sei perfekt: „Wir Menschen sind alle so unterschiedlich und das ist doch gut so.“ Ihre positive Lebenseinstellung würde sie gerne an andere Menschen weitergeben. Sie sieht sich als Pionierin, die anderen Frauen den Weg ebnet. Zudem hat sie einen Stammtisch für kurvige Menschen sowie einen Second-Hand-Markt für große Größen ins Leben gerufen.

Sie sagt von sich selbst, 15 dünne und 15 dicke Jahre gehabt zu haben. Als sie zunahm, haderte sie nicht mit sich, „ich habe einfach größere Kleidung gekauft.“ Auch mit 133 Kilo könne man schön aussehen. Ihren eigenen Stil beschreibt sie als „sehr individuell, stylisch. Ich trage super gerne Kleider und Röcke.“ Zudem hat sie in Kooperation mit dem Label „2M big in fashion“ eine eigene Tüllrock-Kollektion herausgebracht: „Lexida featuring Christin“. Daneben darf es rockig sein – passend zum Nasenpiercing. Das durfte bei ihrer letzten Show in Paris drin bleiben. „Das bin ja auch ich“, betont die junge Frau selbstbewusst. Ihr Gewicht hält sie ohne Waage, „die habe ich weggeschmissen. Ich merke es ja, wenn Röcke oder Hosen kneifen“. Sie treibe Sport und muss mit ihrem Hund regelmäßig raus – von Diäten hält sich gar nichts: „An dem Tag, an dem sich jede Frau wohl fühlt, bricht ein ganzer Industriezweig weg“, meint sie.

Für das bisher Erreichte sei sie „extrem dankbar“. Für die Zukunft wünscht sie sich, weitere internationale Aufträge zu bekommen oder etwa mit Designer Guido Maria Kretschmer zusammenzuarbeiten. „Träume müssen immer greifbar sein. Ich bin sehr realistisch, kein Fantast“. Doch eines sei ihr wichtig: „Wenn ich in die Kiste springe, will ich wissen, ich habe was verändert.“

Heute Abend ist Christin Thomsen ab 22 Uhr im ersten Teil der Sendung „Menschen hautnah“ im WDR-Fernsehen zu sehen. Dafür hat sie ein Unterwassershooting gemacht. „Das vergess’ ich mein Leben nicht“, erinnert sie sich an die Herausforderung. Doch sie findet, „dass man mit seinen Aufgaben wachsen kann“. Im anschließenden Interview mit Anke Engelke hätte diese sie richtig auseinandergenommen. „Aber ich habe – glaube ich – ganz gut dagegen gehalten. Ich hoffe, das wird alles gesendet“, so Christin Thomsen.

 

 


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erstellt am 27.Aug.2015 | 07:32 Uhr

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