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Schleswiger Nachrichten

17. Dezember 2017 | 09:25 Uhr

Kappeln : Jede Menge Inspiration an der Schlei

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Workshops, Musik, Poetry Slam: Mehrere Hundert Besucher und Teilnehmer erleben dreitägiges Kunstfestival „Plein Air 54 Grad“.

shz.de von
erstellt am 08.Aug.2017 | 13:00 Uhr

Das Experiment ist geglückt. Ein anderes Urteil lassen die drei Tage dort an der Schlei in Sundsacker wohl kaum zu. Das Kunstfestival „Plein Air 54 Grad“ hat das geschafft, was sich die Veranstalter erhofft und die Teilnehmer ganz offensichtlich gewünscht hatten: eine ungezwungene Begegnung mit und in der Kunst, eine Darstellung ihrer Vielfalt und das alles in einer äußerst gelösten Atmosphäre.

Im Rahmen der Eröffnung hatte Stefan Lenz, Hausherr des Veranstaltungsgeländes, erklärt: „Kunst ist ein verbindendes Element und sorgt dafür, dass Menschen sich entwickeln können.“ Am Sonnabend traten geschätzte 300 Besucher den Beweis dafür an. In verschiedenen Workshops versuchten sie sich in Kalligrafie, im Zeichnen von Comics oder mit Eitempera, andere hatten zum ersten Mal Ton in der Hand – so wie Brigitte Füßner aus Damendorf. Sie saß mit Keramikexpertin Imke Splittgerber an einem langen Holztisch mitten im Grünen und gestaltete Tonschalen mit unterschiedlichen Strukturen, die die Umgebung um sie herum so hergaben. Steine, Blätter, Wurzeln, Baumrinde. „Ortsschalen“ nennt Splittgerber diese Kreation, Gefäße, die an den Ort erinnern, an dem sie entstanden sind. Brigitte Füßner war mit Freude bei der Sache. „Früher habe ich mich gerne mit Kunst beschäftigt“, sagte sie. „Jetzt fange ich wieder damit an, und Keramik würde mich noch weiter reizen.“

Ein paar Meter entfernt hatte Andrea Heiderich ein großes weißes Blatt Papier vor sich. Mit Blick auf die Schlei hörte sie der Arnisser Kalligrafie-Kennerin Brigitte Wollert zu, die gerade über das Schriftzeichen für Wasser, über Wellen und innere und äußere Kräfte sprach. „Die Neugier hat mich hergetrieben.“ Heidrich war extra aus Bordesholm angereist, hatte am Vormittag schon einen Ölmalerei-Workshop bei Søren Søndergaard belegt, Till Warwas beim Malen zugesehen und auch sonst das Festival in vollen Zügen genossen. „Die Kulisse und die Atmosphäre sind einfach toll“, sagte Heiderich. „Die Menschen sind alle so entspannt, und alles zusammengenommen ist sehr inspirierend.“

Direkt vor Andrea Heiderich, unmittelbar am Schleiufer, hatten sich ebenfalls jede Menge Besucher ausgebreitet, manche mit Zeichenblock und Stift in der Hand, andere lagen einfach im Gras und blickten hinaus aufs Wasser. Am Steg stand derweil Helga Wendler. Die Seniorin war Teil einer Vierergruppe aus Neumünster, die sich von Frank Suplie die Malerei mit Eitempera erklären ließ. „Ich verfolge die Arbeit der Norddeutschen Realisten schon eine Weile“, sagte Wendler. „Und jetzt wollte ich einen von ihnen kennen lernen.“ Die Neumünsteranerin malt in ihrer Gruppe schon etliche Jahre – „aber wir waren ein bisschen festgefahren“. Unter freiem Himmel suchte sie neue Inspiration und neue Herausforderungen. „Es ist schon anstrengend, in der Natur und auch mit so vielen Leuten gemeinsam zu malen“, sagte sie. Und mit einem Lachen fügte sie hinzu: „Hin und wieder muss ich Farbkompromisse eingehen, weil ich nicht an den Farbtopf komme.“

Zwischen Strohballen tummelten sich indes die Workshop-Teilnehmer von Jonas Kohla. Der 17-Jährige ist Experte für Comics und Mangas und hatte eigentlich nur ein Ziel: „Ich möchte motivieren, zeigen, dass man Spaß am Zeichnen haben kann und nicht verzweifeln sollte, wenn es nicht sofort klappt.“ Mit kleinen Tipps, ein paar Technik-Hinweisen und sehr viel bestärkenden Sätzen stattete er seine überwiegend jungen Zuhörer aus.

Dass auch Sprache zur Kunstform reifen kann, zeigte am Sonnabendabend schließlich Mona Harry. Eine knappe Dreiviertelstunde lang nahm sie ihr Publikum mit eindrucksvollem Poetry Slam gefangen und malte ihre Bilder eben nicht mit einem Pinsel, sondern mit Worten, wenn sie etwa von „Gedanken, die körnig werden wie Raufasertapete“ sprach.

Die künstlerische Leiterin des Festivals, Dr. Christina Kohla, jedenfalls hatte schon am Sonnabendnachmittag das festgestellt, was für die gesamte Veranstaltung gelten sollte: „Ich sehe nur glückliche Gesichter.“ Die Menschen hatten sich eingelassen auf das Ausprobieren, auf die Umgebung, auf die Kunst, und sie wurden mit einer Vielzahl an Eindrücken belohnt. „Das war der Geist, den wir wollten“, sagte Kohla. „Dass sich die Leute begegnen, sich austauschen, dass sie mittendrin sind und die Idee mittragen.“ Und genau diese Menschen hatten im Grunde schon vorweggenommen, was Mona Harry ihnen von der Bühne entgegen rief. „Kultur ist kein Prestigeobjekt“, hatte sie gesagt. „Kultur ist Identität.“ Und genau deshalb funktionierte sie so gut, drei Tage lang, mitten an der Schlei in Sundsacker.

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