Zeugenaufruf : Jagd nach dem A7-Steinwerfer: Polizei sucht Videoaufzeichnungen

200 Meter hinter der Brücke konnte die BMW-Fahrerin stoppen. Das Loch in der Frontscheibe zeigt, wie groß der Stein war.
200 Meter hinter der Brücke konnte die BMW-Fahrerin stoppen. Das Loch in der Frontscheibe zeigt, wie groß der Stein war.

Die von dem Findling getroffene Frau schwebt nicht in Lebensgefahr. Der Täter befand sich auf zwei Brücken.

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11. Mai 2018, 07:56 Uhr

Flensburg | Beamte nehmen DNA-Proben und Fingerabdrücke vom Brückengeländer, tüten dann Steine ein, die auf dem Grünstreifen liegen und wohl auch auf die Autobahn geworfen wurden: Nachdem eine BMW-Fahrerin auf der A 7 bei Flensburg lebensgefährlich verletzt wurde, versucht die Kripo fieberhaft, den Täter zu fassen und sucht nach Zeugen der Geschehnisse an einer Autobahnbrücke.

„Wir haben noch keinen Hinweis auf den oder die Täter“, sagte ein Polizeisprecher am Freitag. Die Ermittler seien auf Hinweise möglicher Zeugen angewiesen. Wer verdächtige Personen oder Fahrzeuge an der Brücke bei Harrislee gesehen hat, soll sich an die Polizei wenden.

Die Beamten suchen nach Autofahrern, die am Dienstag zwischen 21 und 23 Uhr auf der A7 sowohl in südlicher als auch nördlicher Richtung unterwegs gewesen sind. Gesucht werden auch zudem Lkw-Fahrer, die aus Dänemark gekommen sind. Die Ermittler hoffen auf mögliche Videoaufzeichnungen aus entsprechenden Fahrzeugen. Hinweise nimmt die Polizei Flensburg unter 0461-4840 entgegen.

Die gebürtige Dänin (58), die in ihrer Heimat arbeitet und in Flensburg wohnt, war am Dienstag gegen 22.30 Uhr auf dem Heimweg, als zwei Kilometer hinter der Grenze ein fußballgroßer Stein ihre Windschutzscheibe zerschmetterte. Polizeisprecher Christian Kartheus: „Er traf die Frau am Oberkörper und durchschlug im Anschluss die Heckscheibe.“

Die zerschmetterte Windschutzscheibe – die Fahrerin schwebt nicht in Lebensgefahr.
Benjamin Nolte/dpa

Die zerschmetterte Windschutzscheibe – die Fahrerin schwebt nicht in Lebensgefahr.

 

Trotz ihrer schweren Verletzungen konnte die Frau ihren Wagen noch selbst stoppen, andere Fahrer riefen den Rettungsdienst. Die Dänin hatte großes Glück, sie schwebt nicht in Lebensgefahr. Den Stein fanden Ermittler auf den Mittelstreifen. Er war so schwer, dass ihn zwei Feuerwehrmänner zum Wagen der Kripo tragen mussten.

Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr sichern den Stein mit einem Durchmesser von etwa 40 Zentimetern.
Benjamin Nolte

Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr sichern den Stein mit einem Durchmesser von etwa 40 Zentimetern.

Bereits eine halbe Stunde zuvor waren elf Kilometer weiter südlich bei Barderup (Kreis Schleswig-Flensburg) mehrere faustgroße Steine von einer Brücke auf die A 7 geworfen worden. Ein Lastwagenfahrer konnte gerade noch ausweichen. Ein Großaufgebot der Polizei rückte aus, Rundfunkdurchsagen sollten Autofahrer warnen – für die Dänin kam die Meldung jedoch zu spät.

„Wir gehen von einem Zusammenhang zwischen den Taten aus“, sagt der Polizeisprecher. Das bedeutet, dass der Täter offenbar extrem kaltblütig ist. Er machte weiter, obwohl überall Streifenwagen mit Blaulicht unterwegs waren. Noch am Abend nahmen Polizisten einen Verdächtigen fest, Kripo-Beamte befragten ihn in Flensburg. Ein Tatverdacht habe sich aber nicht erhärtet, so Kartheus.

Eine Beamtin nimmt DNA-Proben am Geländer.
Daniel Friederichs
Eine Beamtin nimmt DNA-Proben am Geländer.
 

Der Polizeisprecher bestätigte shz.de, dass es seit Februar mehrfach Steinwürfe auf die A7 gegeben hat. Zudem hatte es im Juli 2017 einen Fall gegeben, bei dem ein Stein an einem Seil von der A7-Brücke bei Neu Duvenstedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) baumelte und einen Lkw traf. Auch die Dänen beschäftigt ein noch ungeklärter Angriff.

Wie die dänische Nachrichtenagentur Ritzau meldet, will die Polizei der Insel Fünen ihre deutschen Kollegen in Flensburg kontaktieren. Dort war 2016 ein 30 Kilo schwerer Betonklotz auf das Auto einer Urlauberfamilie aus Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen) geworfen worden. Die Mutter (33) starb, der Täter ist noch nicht gefasst.

Was treibt die Steinewerfer? Die bislang gefassten Täter waren überraschend oft Jugendliche. „Es geht ihnen um kurzfristigen Lust- und Machtgewinn durch das Brechen von moralischen Tabus“, sagt ADAC-Verkehrspsychologin Nina Wahn. „Im Jugendalter liegt impulsivem und destruktivem Verhalten außerdem häufig der Wunsch nach Abgrenzung zugrunde.“ Kriminologe Christian Pfeiffer spricht von einem „Machtrausch“, mit dem Frust kompensiert werden könne. Der Münchner Psychologe Georg Sieber ist hingegen überzeugt, dass die Täter die Autos nicht mit den Menschen darin in Verbindung bringen. Sie handelten oft aus einer Laune heraus – aber in der Regel ohne Tötungsabsicht. „Die Autos sind für sie nur Gegenstände.“

Die Polizei sucht Zeugen für die Steinwürfe von beiden A7-Brücken. Telefon: 0461/48 40.

mit dpa

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