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Orna Porat verstorben : Israelischer Bühnenstar mit Schleswiger Wurzeln

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die große israelische Schauspielerin Orna Porat ist im Alter von 91 Jahren gestorben – in Schleswig fand sie einst die Liebe ihres Lebens.

Trauer um die Grande Dame des israelischen Theaters: Die Schauspielerin und Theatergründerin Orna Porat starb am Donnerstag im Alter von 91 Jahren in Tel Aviv. Ihr bewegender Lebensweg hatte in Köln begonnen und sie über Schleswig 1947 in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina geführt, ein Jahr vor der Gründung des Staates Israel, der sie später mit der höchsten Auszeichnung, die er zu vergeben hat, ehrt – mit dem Israel-Preis. Unter großer Anteilnahme vor allem von Künstlerkollegen wurde Orna Porat gestern beigesetzt. „Sie war eine charismatische Persönlichkeit“, schrieb der frühere Staatspräsident Shimon Peres ihrer Familie, „eine inspirierende Künstlerin und ein kultureller Gigant, eine Frau, die wir nie vergessen werden“.

Orna Porat feierte in Israel auf der Bühne und als Regisseurin über Jahrzehnte große Erfolge. Im Lande galt sie als hochverehrte und geachtete Theater-Ikone. Auch international war sie als Schauspielerin sehr gefragt. Dabei vergaß sie nie, dass ihre bemerkenswerte Theater-Karriere ausgerechnet in Schleswig ihren Anfang nahm und dass sich in der Schleistadt auch „mein persönliches Schicksal entschied“, wie sie es formulierte. Denn hier fand sie die Liebe ihres Lebens.

Irene Klein – so ihr Geburtsname – hatte als junges Mädchen an den Bühnen der Stadt Köln Schauspielunterricht genommen und war als Schauspielerin und Sängerin ans Stadttheater nach Schleswig verpflichtet worden – ihr erstes festes Engagement überhaupt. „Bereits seit dem 1. Mai 1942 ist Irene Klein hier tätig im Fache der munteren und sentimentalen Liebhaberin und hatte bereits Gelegenheit, sich dem Schleswiger Publikum vorzustellen“, berichten die Schleswiger Nachrichten zum Auftakt des Winterspielplans 1942/43 und verweisen auf verschiedene Aufführungen, an denen das neue Ensemblemitglied mitgewirkt hat. In dichter Folge wurden in jener Zeit Bühnenstücke inszeniert – ein strammes Programm für die kleine Schleswiger Theatermannschaft, der zudem Gastspiele in Nachbarstädten und Aufführungen im Rahmen der Truppenbetreuung abverlangt wurde.

Unter den Theaterleuten in Schleswig wurde das offene Wort gepflegt, auch traute man sich, Kritik und Zweifel an der nationalsozialistischen Politik zu äußern. Unter der Hand kursierten Bücher, die auf dem NS-Index standen, darunter Werke von Thomas und Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht und Franz Werfel. Schockiert über Berichte von Gräueln in Konzentrationslagern der Nazis, setzte sich bei ihr die Erkenntnis durch: „Dies ist nicht mein Volk, nicht mein Land.“

Im Herbst 1944 stellte das Theater in Schleswig kriegsbedingt seinen Spielbetrieb ein. Die Männer des Theaterensembles mussten zum Militär, die Frauen in die Rüstungsproduktion. In der Schleswiger Tauwerkfabrik wurde Irene Klein mit dem Elend der Ostarbeiterinnen konfrontiert. Sie solidarisierte sich mit den ausgebeuteten und ausgezehrten Frauen und steckte ihnen Nahrungsmittel zu. Zunehmend sympathisierte sie mit sozialistischen Ideen. Ihre neue Heimat sah sie in der Sowjetunion.
Doch bald waren die Moskau-Pläne erledigt, das neue Ziel hieß Palästina. Und das kam so: Als Nazi-Deutschland von den alliierten Streitkräften 1945 niedergerungen worden war, wurde Irene Klein von einem britischen Geheimdienstoffizier zum Verhör vorgeladen. Das Gespräch wurde in englischer Sprache geführt, dabei hätten sie auch Deutsch sprechen können. Denn der junge Mann „mit den wunderbaren blauen Augen“ (Orna Porat) war als Kölner Jude vor den Nazis nach Palästina geflohen und nun als Mitglied einer britischen Einheit nach Deutschland zurückgekehrt. Die Schauspielerin weiter: „An diesem Tag habe ich mein Schicksal gefunden.“ Ihre Ehe wurde dreifach besiegelt: Zuerst auf dem städtischen Standesamt in Schleswig, dann gleich darauf in Hamburg nach britischem Gesetz, um in den Besitz von Einwanderungspapieren für das noch unter britischer Kontrolle stehende Palästina zu gelangen, und zum dritten Male einige Jahre später in ihrer neuen Heimat Israel, wo sie später vom Christentum zum Judentum übertrat.
Sie büffelte Hebräisch und stand 1948 wieder auf der Bühne, und zwar der des renommierten Cameri-Theaters in Tel Aviv. Sie avancierte rasch zum festen Ensemblemitglied des Hauses und rückte bald in die Theaterleitung auf. Eng verbunden mit dem Namen Orna Porat ist das nationale Kinder- und Jugendtheater, das von ihr 1970 gegründet wurde.

Weltweit gab sie Gastspiele, in den USA beispielsweise, in Paris, Moskau, Leningrad, Berlin, Wien, Zürich, Warschau und in dem ihr so vertrauten Köln. Zweimal war sie auf historischer Spurensuche in Schleswig, „einer meiner liebsten Orte der Welt“. Denn die Schleswiger Jahre haben „mich geformt, künstlerisch und menschlich“. Doch ihre ganze Zuneigung galt ihrer Wahlheimat Israel: „Nirgendwo anders auf der Welt sind so viel Intelligenz, Humor und Lebendigkeit vereint.“






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