Innere Kühe im Plenarsaal

Moritz Rinke (links) las aus seinem Worpswede-Roman 'Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel'.
Moritz Rinke (links) las aus seinem Worpswede-Roman "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel".

Schriftsteller Moritz Rinke begeisterte im Oberlandesgericht mit einem theaterreifen Auftritt

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02. März 2013, 09:30 Uhr

Schleswig | Wäre Moritz Rinke in Angeln aufgewachsen, wäre er wohl auch dort Menschen mit inneren Kühen begegnet? Als der 45-jährige Schriftsteller jedenfalls bei seiner Lesung im Plenarsaal des Oberlandesgerichts von seiner Kindheit in Worpswede bei Bremen erzählte, da lachte manch einer im Publikum wissend auf, als erkenne er seine Nachbarn oder vielleicht gar sich selbst wieder.

Menschen mit inneren Kühen, das sind in Rinkes Roman "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" ehemalige Bauern oder Nachkommen von ehemaligen Bauern, die nie in Urlaub fahren, weil sie tief im Inneren noch immer mit dem Gefühl leben, sie dürften ihr Vieh nicht alleine lassen.

Wer in Worpswede keine inneren Kühe hatte, der war meist Künstler oder verspürte zumindest den Drang, irgendwie künstlerisch tätig zu sein. Rinkes Hauptfigur Paul teilte die Menschen in seinem Heimatdorf in solche mit und solche ohne innere Kühe und die Menschen außerhalb in die klugen, die von Worpswede schon einmal gehört haben ("Ah, die Künstlerkolonie!") und die dummen, die nichts wissen von dem Dorf im Teufelsmoor, in dem einst Berühmtheiten wie Heinrich Vogeler und Paula Modersohn-Becker wirkten.

Eigentlich schreibt Moritz Rinke Theaterstücke. Sein erfolgreichstes, die "Republik Vineta", wurde 2006 für die ARD verfilmt. Und dass er ein Theatermann ist, das war im Plenarsaal des Oberlandesgerichts nicht zu übersehen und nicht zu überhören. So lebhaft las er die Dialoge aus seinem vor drei Jahren erschienenen Roman. Meldete sich Pauls Mutter Johanna, eine Künstlerin, am Telefon aus Teneriffa, schnellte Rinkes Stimme in die Höhe. Der Bauunternehmer Brüning, ein Mann mit inneren Kühen, brummte eher schleppend.

Zu Hause in Worpswede habe man ihm den Roman anfangs übel genommen, verriet Rinke am Ende der Lesung. "Meine Eltern trauten sich nur noch morgens um acht in den Supermarkt." Das hatte damit zu tun, dass er in seinem Buch die verdrängte Nazivergangenheit der Künstlerkolonie aus dem Moor zog. Inzwischen aber haben sie die Wogen geglättet, denn das Buch hat ganz nebenbei auch ein paar neue Touristen ins Dorf gespült - und nebenbei die Welt ein bisschen klüger gemacht, weil nun alle Rinke-Leser wissen, was Worpswede ist.

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