zur Navigation springen

Afghanische Kinder in Schleswig : In einem Krankenhaus am anderen Ende der Welt

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Bahaudin (11) und Danisch (6) haben schwere Beinverletzungen. Jetzt werden die beiden Jungen aus Afghanistan im Schleswiger Helios-Klinikum behandelt.

Er fühlt sich, als wäre er auf einem fremden Planeten gelandet. Als der elf Jahre alte Junge Bahaudin vor einer Woche im Schleswiger Helios-Klinikum ankam, zeigte eine Krankenschwester ihm die Toilette und die Dusche. Er wusste nichts anzufangen mit diesen seltsamen Gerätschaften. Seine Eltern im Westen Afghanistans haben ihn auf die Reise nach Deutschland geschickt, weil sie hoffen, dass die Ärzte hier endlich seine schweren Beinverletzungen kurieren können, die nicht ausheilen, seit er vor zwei Jahren von einem Felsen stürzte.

Mitten in der Nacht landete das Flugzeug mit Bahaudin an Bord in Düsseldorf. Das Rote Kreuz brachte ihn nach Schleswig. Neben ihm saß ein anderer Junge aus Afghanistan, der sechsjährige Danisch aus Masar-i-Scharif, der noch weniger wusste, wie ihm geschah. Seither versucht Bahaudin, seinem kleinen Freund die deutsche Welt zu erklären, so gut er sie denn selbst versteht.

Dass er von Tag zu Tag mehr begreift, das verdankt Bahaudin einem Mann aus Eggebek: Hossein Khazeifi. Der Iraner lebt seit 35 Jahren in Deutschland und arbeitet als Dolmetscher. Er besucht die beiden Jungen im Krankenhaus fast täglich und hat sie sofort in sein Herz geschlossen. „Meine Kinder sind im selben Alter.“ Gestern holte er ihnen Fladenbrot und süßen Weichkäse aus einem afghanischen Spezialitätengeschäft. Mit den Spaghetti aus der Krankenhausküche hatten Bahaudin und Danisch nicht viel anfangen können.

Es ist bereits das zweite Mal, dass das Helios-Klinikum junge Patienten aus Afghanistan aufgenommen hat – vermittelt von der Hilfsorganisation Friedensdorf, die jährlich rund 1000 Kinder aus Krisengebieten in der ganzen Welt zur Behandlung nach Deutschland holt. Nach der Behandlung in ganz Deutschland kommen sie in ein Rehabilitationszentrum in Oberhausen und kehren dann zu ihren Familien zurück. Das wird aus Spenden finanziert. Die Krankenhäuser machen ihre Arbeit kostenlos.

Wie lange es dauern wird, Bahaudins Knochenentzündungen zu behandeln, vermag Dr. Volker Stein, der Chefarzt der Schleswiger Unfallchirurgie, noch nicht einzuschätzen. Aber der Junge ist nicht so schlimm dran wie der kleine Danisch. Ihn wird er wohl bald an eine Spezialklinik nach Hamburg überweisen. Sein Unterschenkelknochen hat sich stark zurückgebildet, es gibt überhaupt keine Verbindung mehr zwischen Schienbein und Fußgelenk. „So etwas haben sogar die Spezialisten in Hamburg selten gesehen“, sagt Stein. „In Deutschland werden solche Verletzungen ja schnell intensiv versorgt.“

Bisher kann Danisch nur mit Hilfe einer Schiene laufen. Die Behandlung in Deutschland könnte bis zu ein Jahr dauern. Als Hossein Khazeifi von dieser Aussicht hörte, war er geschockt. Der Dolmetscher hat schon mehrfach mit den Eltern telefoniert und weiß, wie belastend es für sie ist, ihr Kind in die Fremde zu schicken – und dass sie aber auch sehr große Hoffnungen in die Behandlung setzen.

Khazeifi möchte jetzt Kontakt zu afghanischen Familien rund um Schleswig aufnehmen, damit sie die beiden Kinder besuchen. Bisher kümmern sich nicht nur die Helios-Pflegekräfte um Stationsleiterin Julia Siert liebevoll um sie, sondern auch zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der evangelischen St.-Michaelis-Gemeinde, Jutta Hartwig und Jutta Reimer-Rademacher. Die Krankenhaus-Mitarbeiter haben Bahaudin und Danisch nicht nur mit Spielzeug versorgt, sondern auch mit warmer Kleidung. Als sie in Düsseldorf aus dem Flugzeug stiegen, froren sie gewaltig in ihren T-Shirts.

zur Startseite

von
erstellt am 21.Feb.2014 | 07:45 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen