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Schleswig : In der Peter-Härtling-Schule geht eine Ära zu Ende

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Schulleiterin Heidi Koch im Interview über ihren Abschied aus der Peter-Härtling-Schule und den Tod des Namensgebers des Förderzentrums.

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erstellt am 12.Jul.2017 | 16:02 Uhr

Frau Koch, der Termin für das Abschieds-Interview mit Ihnen war schon längst vereinbart, da starb am Montag im Alter von 83 Jahren Peter Härtling, der Schriftsteller, dessen Namen die Schule seit 1991 trägt. Wie haben Sie die Nachricht von seinem Tod aufgenommen?

Koch: Sein Tod hat mich sehr traurig gemacht. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, ihm in den Sommerferien einen Brief zu schreiben, ihm mitzuteilen, dass ich jetzt auch in den Ruhestand gegangen bin. Ich hätte mir gewünscht, dass er wenigstens ein bisschen länger bei uns geblieben wäre. Jetzt geht wirklich eine Ära zu Ende.

Wie kam es eigentlich zu dem Namen Peter-Härtling-Schule? Die Namensgebung nach einer noch lebenden Person ist ja sehr ungewöhnlich.

Unser Schulträger, der Kreis Schleswig-Flensburg, und das Kieler Bildungsministerium hatten in der Tat am Anfang Probleme mit unserem Vorschlag. Von der Idee 1987 bis zur offiziellen Namensgebung 1991 vergingen vier Jahre.

Welche Bedeutung hat Peter Härtling für Ihre Schule?

In meinen ersten Jahren an dieser Schule, die damals noch in den Räumen der alten Realschule Böklund untergebracht war, war es sehr schwierig, Texte zu finden, mit denen unsere jugendlichen Schüler das Lesen üben konnten. Es gab Kinderbücher, die leicht zu lesen waren. Aber die Inhalte passten nicht wirklich für die 15- bis 16-jährigen Schüler. Dann machte mich eine Mutter, Frau Lühning, auf die Bücher von Peter Härtling aufmerksam. Ich habe sie mir angesehen und war sofort angetan. Er schrieb einfache Sätze ohne Fremdwörter. Und seine Geschichten handelten von Menschen, die in der Gesellschaft Außenseiter sind.

Peter Härtling
Peter Härtling
 

Werden Härtlings Bücher bis heute im Unterricht benutzt?

Ja. Und wir haben einmal im Jahr einen Peter-Härtling-Tag. Die Kollegen haben inzwischen auch wunderbare Wege gefunden, Härtlings Werk denjenigen Schülern zu vermitteln, die nicht in der Lage sind zu lesen.

Peter Härtling war also eine Konstante in Ihrer Arbeit mit den Schülern. Darüber hinaus wird sich viel verändert haben, seit Sie Ihr Amt angetreten sind.

Wenn ich an die Anfangsjahre zurückdenke, da gab es viel weniger Schüler. Unsere Schule war anfangs auf 60 Kinder ausgerichtet. Jetzt haben wir 140. Auch deshalb bin ich sehr dankbar, dass wir jetzt einen Erweiterungsbau beziehen konnten. Außerdem ist auffällig, dass die Kinder früher gleichmäßig verteilt aus allen Gesellschaftsschichten kamen. Das hat sich sehr verändert. Heute sind es überwiegend Kinder aus sozial schwachen Milieus.

Liegt das daran, dass es die klassische Sonderschule in Schleswig nicht mehr gibt, dass lernbehinderte Kinder integrativ an den Regelschulen unterrichtet werden und dann bei Ihnen landen, wenn sie dort nicht zurechtkommen?

Solche Fälle gibt es vereinzelt. Aber das ist nicht der entscheidende Grund für die Entwicklung. Es besteht offensichtlich ein Zusammenhang zwischen Armut und Behinderung. Da spielen Alkohol und Drogen eine Rolle, die die Mütter während der Schwangerschaft konsumieren. Unabhängig davon steigen die Schülerzahlen auch, weil es heute mehr Kinder gibt, die früher die Geburt nicht überlebt hätten, bei denen aber Folgeschäden nach einer Frühgeburt oder anderen Komplikationen geblieben sind. Wir haben auch Kinder mit geringer Lebenserwartung. Bei uns gehört also auch der Tod zum Schulleben dazu.

Wir bemerken, dass Ihnen die Schicksale einzelner Schüler auch nach vielen Jahren in Ihrem Beruf noch sehr nahe gehen. Sie sind Sonderpädagogin aus Leidenschaft. Wie kam es dazu?

Ich habe in Gießen in den 1970er Jahren ursprünglich angefangen, Grundschulpädagogik zu studieren. Durch einen Zufall kam ich Kontakt zu einer damals sehr fortschrittlichen Schule für Geistigbehinderte. Ich war als Betreuerin auf einer dreiwöchigen Fahrt mit der gesamten Schule dabei. Wie dort mit den Schülern umgegangen wurde, das Wertschätzende, der Umgang auf Augenhöhe, hat mich sehr beeindruckt. Der damalige Schulleiter, Prof. Georg Feuser, war für mich ein absolutes Vorbild auf menschlicher Basis und in seinen Ansprüchen, was die Bildung für alle angeht. Danach habe ich den Studiengang gewechselt.

Seit einigen Jahren geht der Trend in Richtung Inklusion – zum gemeinsamen Unterricht von behinderten Kindern mit nichtbehinderten.

Ich halte Inklusion für eine tolle Idee. Das kann in ganz vielen Fällen klappen. Aber auch überzeugte Verfechter der Inklusion sagen, dass es immer Menschen gibt, die in bestimmten Lebenssituationen eine besondere Umgebung brauchen. Ich glaube deshalb, dass unsere Schule nach wie vor ihre Berechtigung hat.

Wie sehen Sie die Zukunft der Peter-Härtling-Schule?

Mit dem Neubau, über den wir ja schon sprachen, haben wir neue Möglichkeiten bekommen. Außerdem freue ich mich, dass es ab dem kommenden Schuljahr endlich in jeder Klasse einen ausgebildeten Sonderschullehrer geben wird – und zudem einen sozialpädagogischen Assistenten.

Das ist bisher nicht der Fall?

In manchen Klassen machen Erzieher der Heilpädagogen die Arbeit der Lehrer. Sie machen das gut und engagiert, aber haben nicht die entsprechende Ausbildung und werden auch nicht entsprechend bezahlt. Man kann sagen, dass zum neuen Schuljahr – mehr als 200 Jahre nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht – die Schulpflicht auch für alle unsere Schüler Realität wird.

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