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Kreis Schleswig-FLensburg : Immer mehr psychisch Kranke

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Psychische Erkrankungen sind bei Arbeitnehmern in Flensburg und im Kreis auf dem Vormarsch. Psychiatrer: „Es sind nicht die Chefs, sondern Menschen, die von Arbeitsunsicherheit betroffen sind.“

Seit 23 Jahren arbeitet sie in ihrem Beruf, die vergangenen fünf Jahre für einen neuen Arbeitgeber. Den Chef kennt Sabine K. nur von schriftlichen Dienstanweisungen, so wie ihre Kollegen auch. Dem Unternehmen geht es zwar gut, aber das Thema Stellenabbau steht immer wieder im Raum, wenn die Jahresbilanz vorgelegt werden muss. Wenn sie nach Hause fährt, kann Sabine K. nicht abschalten, der Dienst bleibt im Kopf. Ihrer Familie begegnet sie zunehmend gereizt. Und sie schläft nicht gut. Sabine K. ist ein klassischer Fall für den Griff zur Droge.

Sabine K. ist fiktiv, steht aber sinnbildlich für viele Arbeitnehmer, die mit ihrer Lebenssituation nur noch klar zu kommen meinen, wenn sie zu Tabletten greifen. Sie fühlen sich überfordert im Job, ausgebrannt und finden keinen Weg zurück in ein ausgeglichenes Leben, in dem sie Zufriedenheit empfinden und Arbeit und Privates trennen können. Ihr Anteil steigt – für die Krankenkasse DAK ein Alarmsignal. Sie hat einen Gesundheitsreport vorgelegt, der für den Kreis und die Stadt Flensburg eine weitere alarmierende Erkenntnis bereit hält: Die Zahl von Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen ist unter den Arbeitnehmern innerhalb eines Jahres drastisch gewachsen.

Der Auswertung der Krankenkasse liegen die Daten von insgesamt 30  000 versicherten Arbeitnehmern in Flensburg und dem Kreis Schleswig-Flensburg zu Grunde – genug, um ein aussagekräftiges Bild über die Gesamtsituation zu erhalten und als repräsentativ zu gelten. Demnach stieg der Krankenstand im vergangenen Jahr um 0,1 auf vier Prozent und liegt damit leicht über dem Landesdurchschnitt. Das heißt: Statistisch betrachtet waren an jedem Tag des vergangenen Jahres von 1000 Arbeitnehmern 40 krank. Wenig überraschend: Dem größten Anteil an den diagnostizierten Erkrankungen liegen Probleme am Muskel-Skelett-System zugrunde (23,1 Prozent). Doch gleich darauf folgen psychische Erkrankungen mit einem Anteil von 21,2 Prozent. Hier ist die Tendenz seit Jahren stetig steigend, konkret allerdings besonders rasant: Waren 2013 je 100 Versicherte noch 233 Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen zu verzeichnen, so waren es im vergangenen Jahr bereits 310. Landesweit waren es mit 273 deutlich weniger.

Worin dieser ungewöhnlich hohe Anstieg begründet ist, darüber rätseln selbst Fachleute. Es sei zwar seit Jahren der Trend zu einer größeren Offenheit im Umgang mit psychischen Problemen zu verzeichnen, betont etwa Ralf Luchtenveld, Leiter des DAK-Servicezentrums Flensburg, doch das allein könne das Phänomen nicht erklären. Er könne sich vorstellen, dass es unter anderem mit der hohen Zahl von Arbeitnehmern zusammenhängt, die durch Rehabilitations-Einrichtungen im Kreis zurück in den Arbeitsmarkt gebracht werden, erklärt dazu Dr. Kai Giermann, bis vor kurzem ärztlicher Leiter der Psychiatrie im Diakoniezentrum Kropp und nun Leiter des Kreisgesundheitsamtes. Unterm Strich stehe in jedem Fall die Diagnose: „Psychiatrische Erkrankungen sind weiter auf dem Vormarsch.“ Und damit einher geht der Trend zum Medikamentenmissbrauch – mit fatalen Folgen für die Betroffenen. Denn daran lässt Giermann keinen Zweifel. Mit dem „Doping fürs Gehirn“ entrinnt niemand seinem Problem.

Die DAK-Studie stellt den Vergleich zu 2008 an und spricht von einer deutlichen Zunahme des Missbrauchs verschreibungspflichtiger Medikamente im Job. Demnach gaben sieben Prozent der befragten Arbeitnehmer in Schleswig-Holstein an, bereits Erfahrungen mit Antidepressiva, Antidementiva, Betablockern oder Stimulanzien gemacht zu haben. Tatsächlich gehen die Experten von einer nahezu doppelt so hohen Zahl aus. Fast 70 Prozent der Befragten gaben an, von der vermeintlich positiven Wirkung des „Gehirn-Dopings“ zu wissen.

Auslöser für den Griff zur Pille, bei dem Ärzte offenbar nicht selten Hilfestellung leisten, sind meist hoher Leistungsdruck sowie Stress und Überlastung. Männer nehmen vornehmlich vermeintlich leistungsfördernde Mittel, Frauen hingegen versuchen es häufiger mit stimmungsaufhellenden Präparaten. Dabei ist das „Hirn-Doping“ keineswegs ein Führungskräfte-Problem. Im Gegenteil. „Es sind nicht die Chefs, sondern Menschen, die von Arbeitsunsicherheit betroffen sind“, betont Giermann. „Je weniger ich es in der Hand habe, was aus mir wird, desto eher definiere ich mich über Leistung und desto eher nehme ich das Zeug“, so der Psychiater. „Das Klischee vom dopenden Topmanager ist vom Tisch“, so Luchtenveld.

Beide warnen ausdrücklich vor dem Griff zur Pille. Einem minimalen Effekt stehen erhebliche Risiken gegenüber. Nebenwirkungen wie Schwindel, Herzrhythmustörungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Halluzinationen und Abhängigkeit seien möglich. Statt nach Medikamenten zu greifen, sei es wichtig, sich über seine eigene Situation klar zu werden. Ist das der richtige Beruf, den ich habe? Kann ich etwas ändern, um Stress abzubauen? Giermann ist klar, dass diese Fragen von den wenigsten Arbeitnehmern positiv beantwortbar sind. Deshalb kommt er zu einer ernüchternden Bilanz: „Viele Arbeitnehmer können keinen Cut machen. Ihre einzige Antwort ist dann der Krankenstand.“ Mit entsprechenden Folgekosten für Arbeitgeber und Gesellschaft. Deshalb folgt für den Experten daraus: „Wer etwas ändern will, kann dies nicht beim Individuum, sondern nur bei den gesellschaftlichen Bedingungen.“  

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erstellt am 30.Okt.2015 | 16:00 Uhr

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