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Schleswiger Nachrichten

22. Oktober 2017 | 23:26 Uhr

Im Trabi zu den Wikingern

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

von
erstellt am 07.Nov.2014 | 14:51 Uhr

Im Friedrichsberger Kino lief „Batman“. In der Strandhalle veranstaltete der Bürgerverein eine Diskussionsrunde zur Zukunft des bald stillgelegten Güterbahnhofs in der Altstadt. Der Saal im Hotel Stadt Hamburg war brechend voll. Dort stritt man über die Frage, ob die Dannewerkschule in eine Gesamtschule umgewandelt werden soll – natürlich mit eigener Oberstufe. Es war ein ganz normaler Herbstabend in Schleswig – und einer der ersten „langen Donnerstage“: In der Ladenstraße schlossen manche Geschäfte erst um 20.30 Uhr. Manche Kunden hatten im Autoradio gehört, was gerade in Berlin geschah. Auf den Schleswiger Straßen verbreitete sich die Nachricht vom Mauerfall wie ein Lauffeuer. Die Kinobesucher und die Gäste der Diskussionsabende in der Strandhalle und im Stadt Hamburg blieben ahnungslos. Es hatte ja keiner ein Handy – und erst recht keines mit aufploppender Eilmeldung einer Nachrichten-App. Ein Besucher der Gesamtschul-Diskussion mochte nicht glauben, was er von Passanten hörte, als er gegen 22 Uhr aus dem Stadt Hamburg kam. Die Mauer offen? Ausgeschlossen, fand er. Es sei doch noch kein einziger Trabi auf der Flensburger Straße unterwegs.

Näher an der innerdeutschen Grenze indes war die Lage eine ganz andere. Davon erzählt Ute Drews, damals wie heute Leiterin des Wikingermuseums in Haithabu. Sie verbrachte den Abend des 9. November 1989 in Lübeck – die Stadt war voll mit Besuchern aus der DDR. Früh am nächsten Morgen war Ute Drews die erste, die auch an der Schlei den ersten Trabi entdeckte. Der Halbkreiswall von Haithabu lag noch halb im Dunkeln, Regenwolken zogen über ihn hinweg. Mitten in dieser tristen Landschaft – die nachgebauten Wikingerhäuser standen noch nicht – sah Ute Drews ein hellblaues kleines Auto mit DDR-Nummernschild. Den Fahrer sah sie nicht. „Der muss irgendwo im Gelände gewesen sein“, sagt sie heute. So erfuhr sie nie, wer der Wikingerfreund aus dem Osten war, der sich, als er von der Grenzöffnung hörte, sofort in sein Auto setzte und stundenlang nach Norden fuhr. Manche meinten damals, den Ossis sei es bloß um Bananen, D-Mark und BMWs gegangen. Der Trabi von Haithabu beweist: Manche Lebensträume waren viel, viel origineller.

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