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Schleswiger Nachrichten

18. Dezember 2017 | 19:41 Uhr

Husbyries : Im Plunschli wird es niemals leise

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Viele Betreiber und neue Namen hat die Kneipe durchlebt, doch immer zog es die Menschen nach Husbyries – seit einem Jahr zu Vollblutmusiker Heiko Meyer. Er steht in der Küche, hinter dem Tresen und macht natürlich Musik.

von
erstellt am 15.Nov.2014 | 07:55 Uhr

Ja, sie waren wirklich dort, vor 30 Jahren, in Husbyries: die Toten Hosen. Und nicht nur sie, auch Marius Müller-Westernhagen oder Heinz Rudolf Kunze. Wer erinnert sich nicht gern an das am Waldrand gelegene Plunschli, wo sich Musiker trafen, Menschen trafen, und ausgelassene Stunden verbrachten. Viele kamen mit ihrer Zündapp oder Herkules, angezogen von zwanglosen Gigs, dem kleinen Schnack oder dem kühlen Feierabendbier. Seit 1875 steht es schon dort. Was einst Postkutschenstation und Waldgaststätte war, wurde zur Kneipe, zur Pizzeria, zur Disco, hieß mal „Bluntschli“, „Nashville“, „Jojo“, „Blue Orange“ oder „Renates Krog“. In den Köpfen der meisten Menschen aber war und ist es immer das Plunschli geblieben.

„Kennt jemand noch Husbyries?“, fragte Campino 2013 beim Konzert in der Sparkassenarena in Kiel in die Menge. Am 17. April 1984 zahlte, wer die Hosen im Plunschli hören wollte, sechs Mark. Am selben Abend trat auch Sänger Norbert Hähnel aus Berlin auf, noch als „Der wahre Heino“, ein Titel, den er schon bald ablegen musste, der echte Heino fand das nämlich gar nicht lustig. Heiko Meyer lacht, als er davon erzählt. Der 51-Jährige sitzt auf einem der Leder-Drehstühle, der seit Jahrzehnten in diesem Laden steht, stützt die Ellenbogen auf den uralten Tresen. „Für mich war bei der Übernahme vor allem die Musikgeschichte interessant“, sagt Heiko, den viele einfach Meyer nennen. Vor etwas über einem Jahr hat er das Plunschli von Eigentümer Jürgen Hintz, dem der Gebäudekomplex seit 1983 gehört, gepachtet. Nur zwei Tage hatte er überlegt, als Renate Thomsen den Laden aufgeben wollte und ihn ansprach. Am 2. Oktober 2013 eröffnete er „Meyer’s Plunschli“. Und das ist auf einem guten Weg, wieder zum Szenetreff für Musiker, zu einem Ort mit richtig guter handgemachter Musik zu werden.

Meyer, der in Flensburg lebt, spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle. Einen wie ihn, meint man, braucht dieser Ort. Seit 37 Jahren macht er Musik. Er wurde in Neumünster geboren, brachte sich mit 13 das Gitarrespielen selbst bei, nachdem er es satt hatte, im Gitarrenunterricht immer „Ein Mops kam in die Küche“ spielen zu müssen. Nach der Ausbildung zum Sozialarbeiter zog es ihn auf die Straße, als „One-Man-Band“ mit Trommel auf dem Rücken, Gitarre in der Hand und seiner Stimme in der Kehle reiste er eineinhalb Jahre durch Europa. Er kam zurück, war Zivi, und betreute dann als Sozialarbeiter nicht nur in Heimen viele Jahre lang gewaltbereite Jugendliche, Fachgebiet Sucht und Psychose. „Und ich hab gefühlt 100 Jahre lang nebenbei in Kneipen gearbeitet“, erzählt er.

Ende 1995 hängte er den Sozialarbeiterjob an den Nagel, kam nach Flensburg und eröffnete in der Schiffbrückstraße mit einem Kompagnon „Schmidt’s Musikkneipe“, „das war der Szenetreff für Musiker schlechthin, und das würd’ ich hier auch gern schaffen“. Nach zwei Jahren stieg er wieder aus, arbeitete in Flensburg viele Jahre als Disponent und Bereichsleiter bei einer Spedition (auch diese Lehre hat er zwischendurch abgeschlossen) und in der ambulanten Betreuung hilfloser Menschen. „In den Job als Sozialarbeiter will ich jetzt aber nie wieder zurück. Man nimmt da ja alles mit nach Hause“, sagt Meyer. „Ich will das hier so hochziehen, dass ich es bis zur Rente machen kann.“

Im Plunschli lebt er jetzt wieder seine Leidenschaft. Meyer hat nie keine Musik gemacht. Über 100 Songs hat er in petto, am besten gefallen ihm die 70er bis 90er Jahre, „keine bestimmte Richtung, ich spiele, was die Leute gut finden“. In Musikerkreisen in und um Flensburg weiß man nicht erst seit gestern, wer „Hai-Co“ ist, „als Heiko Meyer wirst du doch nicht gebucht“, erklärt er. Das Leben von Heiko Meyer ist bunt, und spannend. Als Sozialarbeiter hat er Schlimmes erlebt, auch von Hörstürzen und Burnout blieb er nicht verschont. „Aber ich hab mich immer durchgeschlagen – und ich bin noch lange nicht fertig.“ Er sagt aber auch: „Ich will gar nicht reich werden, will nur mein Auskommen haben – mit Musik, netten Gästen und viel Spaß bei der Arbeit.“

Von Dienstag bis Sonnabend ist das Plunschli ab 18 Uhr geöffnet, „bis der Wirt keinen Bock mehr hat“. Weil er zwei Tage frei habe, könne er sich auch „eine Beziehung leisten“, sagt er schmunzelnd. Seine Partnerin ist Rita. Bei ihm sei jeder willkommen, ob Schulband oder eingefleischte Musiker aus der Szene, normale Bürger, Jugendliche, und einfach, wer Currywurst mit Pommes, La Flûte oder Chili con carne essen oder etwas trinken will. In der Küche steht er natürlich selbst.

Viele Bands und Musiker melden sich spontan bei ihm, fragen, wann sie mal im Plunschli spielen können. Wenn sie auftreten, zahlt man keinen Eintritt – die Musik ist für Meyer eine Leidenschaft, keine Einnahmenquelle, Umsatz macht er mit Essen und Trinken. „Hier spielen viele junge Bands aus der Gegend, aber auch Leute, die vor 20 Jahren schon in Schmidt’s Musikkneipe aufgetreten sind“, sagt er. Meyer wirkt zufrieden, wie er da am Tresen lehnt, sich umguckt. „Du stolperst hier bei jedem Schritt über Geschichte, und über Leute, die hier schon seit 30 Jahren die Stühle kaputtsitzen.“ Das ist es, was er so liebt. „Sonst hätte ich diesen Laden nicht. Hier ist auch der Tresen eine Bühne.“


>Heute Abend tritt ab 21 Uhr die Cover-Rockband „The Que“ auf, der Eintritt ist frei; www.plunschli.de


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