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DRK-Suchdienst in Schleswig : Im Auftrag der Flüchtlings-Familien

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Franziska Behmer arbeitet in der Beratungsstelle des DRK-Suchdienstes in Schleswig. Die Anzahl der Anfragen steigt.

shz.de von
erstellt am 06.Jun.2016 | 14:17 Uhr

Eigentlich sieht Franziska Behmers Schreibtisch in der Geschäftsstelle des DRK-Kreisverbands eher unscheinbar aus. Nur ein Poster an der Wand mit der Aufschrift „I’m looking for“ verrät, dass hier täglich Flüchtlingsschicksale bearbeitet werden. Seit vergangenem November ist Franziska Behmer für den Suchdienst des Roten Kreuzes in Schleswig zuständig. Die Abteilung des DRK, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Suche nach Vermissten spezialisierte, kümmert sich seit Kurzem hauptsächlich um die Suche nach Familienmitgliedern von Flüchtlingen, die während der Flucht voneinander getrennt wurden.

Auch bei der Zusammenführung von Asylbewerbern und zurückgebliebenen Verwandten ist die 36-Jährige behilflich. „Ich habe alle Hände voll zu tun“, erzählt die gelernte Bürokauffrau. Ein Beratungsgespräch und die entsprechende Nacharbeit nehmen pro Fall mehrere Stunden in Anspruch. Dabei steht sie im engen Kontakt mit den Leitstellen in München und Hamburg. „Wir sind gerade im Aufbau, was diese Hilfe betrifft und lernen selbst auch noch. In Zukunft wird dieser Teil aber noch mehr Zeit in Anspruch nehmen“, sagt DRK-Kreisgeschäftsführer Kai Schmidt. Da sich die Gesetzeslage immer wieder ändert, muss Franziska Behmer sich tagtäglich fortbilden.

In diesem Jahr hat sie sich bisher um 24 Suchanfragen von Flüchtlingen gekümmert. Die mehrstündigen Gespräche sind oft hochemotional. „Die Menschen sind traumatisiert und verzweifelt. Da muss man schon sehr empathisch und auch geduldig sein“, erzählt sie. Die Kommunikation laufe auf Englisch, Deutsch und mit Gesten. „Ich brauche für die Suche so viel Information wie möglich. Daher schauen wir oft gemeinsam im Internet, welche Route sie genommen haben und wo die Menschen sich verloren haben.“ So lässt sie sich zum Beispiel auch den Herkunftsort zeigen. „Falls der Gesuchte nach Hause zurückgekehrt ist, könnte das ein Anhaltspunkt sein“, sagt sie. Für die Fahndung nach den Verwandten sind ebenfalls individuelle Merkmale wie der Geburtstag wichtig. „Und das ist oft ein Problem, weil viele Flüchtlinge ihr genaues Geburtsdatum gar nicht kennen.“ Oft seien sie in offiziellen Papieren am 1. Januar oder am 1. Juli geboren. „Das passiert, wenn im Herkunftsland die Geburten nur halbjährlich registriert werden.“

Manchmal ist das Gespräch aber mit ganz anderen Problemen verbunden. Bei vielen kommen traumatische Erlebnisse der Flucht wieder hoch. „Bei solchen Flashbacks muss ich als Ansprechpartnerin ganz ruhig bleiben und Sicherheit vermitteln“, sagt die 36-Jährige. Besonders eines sollte man nicht tun: „Auf gar keinen Fall den Betroffenen anfassen, das kann die Panik nur noch schlimmer machen“, weiß sie. Bestimmte Fragen müssten dann zurückgezogen und später gestellt werden.

Am Ende des Gesprächs steht das gemeinsame Ausfüllen des Suchauftrags, der nach München geschickt wird. Dort werden die Informationen eingegeben, über Nacht laufen sie durch eine Datenbank. Die durchsucht die Einträge aus über 100 Ländern, in denen sich das Rote Kreuz an dem Suchdienst beteiligt. „Am Morgen sehen die Kollegen dann, ob es einen Treffer gibt.“

„Wir hatten hier ein sehr verzweifeltes Ehepaar sitzen. Die hatten auf der Flucht ihr Kind verloren. Dank des großen Netzwerks wurde es nach kurzer Zeit in Ungarn gefunden“, erzählt Kai Schmidt von einem Erfolgserlebnis. Nach dieser Nachricht seien die Eltern sofort losgefahren, um das Kind abzuholen.

Die Erlebnisse eines somalischen Jungen haben Franziska Behmer besonders berührt: „Sein Bruder wurde auf der Flucht erschossen, er selbst misshandelt. Damit er weiterreisen konnte, musste er zwischendurch immer wieder arbeiten. Jetzt ist er hier angekommen – ohne Eltern und Geschwister.“ In solchen Momenten kommt die Mutter ins Grübeln: „Ich habe selbst zwei Kinder und überlege dann, was wäre, wenn wir flüchten müssten und die Familie auseinander gerissen würde“, gibt sie zu. Trotzdem sei es in ihrer Position wichtig, die Dinge nicht mit nach Hause zu nehmen. „Ich muss die Distanz wahren, damit ich meine Arbeit ordentlich machen kann“, sagt sie.

Bei der Familienzusammenführung sei das Frustpotenzial besonders hoch. „Wenn es nur den kleinsten Formfehler gibt, kann es sein, dass der Antrag auf Nachzug von der Botschaft abgelehnt wird.“ Daher fragt sie so viele Details wie möglich bei den Flüchtlingen nach. Eine Zusammenführung habe sie dieses Jahr bereits erfolgreich abgeschlossen. Drei Fälle liegen zurzeit auf ihrem Tisch. Auch hier ist ihr eine Begegnung in Erinnerung geblieben. „Eine Frau wollte ihren Mann, die acht Kinder und die Schwiegermutter nach Deutschland holen. Das scheiterte daran, dass die Schwiegermutter nicht zur Kernfamilie gehört.“ Daher habe Behmer den Kontakt zu einem Anwalt vermittelt. „Wir tun alles, um Familien zu helfen.“ Dank erwartet die DRK-Mitarbeiterin von den Flüchtlingen nicht. „Mir reicht es, wenn ich merke, wie gut es den Menschen tut, ihre Geschichte zu erzählen.“ Und eines freut sie besonders. Wenn trotz aller Widrigkeiten Menschen wieder zueinander finden: „Manchmal geschehen eben doch noch Wunder.“

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