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Süderbrarup/Kappeln : „Ich habe genau in den Lauf geschaut“

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein Fahrgast schießt mit Schreckschusspistole auf den Kappelner Taxifahrer Thorsten Rathmann. Der Täter wurde gefasst und eingewiesen.

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erstellt am 02.Okt.2017 | 12:37 Uhr

Thorsten Rathmann ist niemand, der sich so leicht erschrecken lässt. Der Kappelner Taxiunternehmer verfügt nach 22 Jahren Selbstständigkeit über eine Menge Menschenkenntnis, ist zwei Meter groß und betreibt seit einigen Jahren Karate. Das alles nützte ihm in der Nacht zum vergangenen Freitag nichts, als ein Fahrgast eine Waffe auf sein Gesicht richtete und abdrückte. Glücklicherweise handelte es sich nur um eine Schreckschusspistole. Rathmann kam mit einer leichten Augenverletzung und dem Schrecken davon, der Täter wurde später von der Polizei gefasst. Geblieben ist die Unsicherheit. „Wie kann ich mich schützen? Wie verhindern, dass so etwas, oder Schlimmeres, noch einmal passiert?“, fragt sich der Taxiunternehmer. Die Antwort weiß er nicht. „Aber so etwas passiert ja zum Glück nur äußerst selten“, sagt der 55-Jährige.

Als Thorsten Rathmann in der Nacht zum Freitag per Telefon den Auftrag für eine Fahrt von Mohrkirch nach Kappeln bekam, wollte er schon ablehnen. „Mohrkirch ist eigentlich nicht unser Gebiet. Und ich hatte ein komisches Gefühl.“ Doch als der Kunde erklärte, er sei an diesem Tag schon einmal mit dem Unternehmen gefahren, sagte er zu.

Der 31-jährige Fahrgast habe über Drogenprobleme gesprochen und später erklärt, er wolle an einer Tankstelle noch Alkohol kaufen, berichtet Rathmann. „Dann wurde es komisch. Er begann zu telefonieren und sagte, ich wolle ihn über den Tisch ziehen. Und dass er gar nicht zahlen werde“, so Rathmann weiter. „Da bin ich in die Eisen gegangen, habe ihm erklärt, er habe 40 Euro zu zahlen und dann sei die Fahrt hier in Süderbrarup zu Ende.“

Der Taxifahrer hielt vor der Sparkasse und forderte den Mann auf, Bargeld für die Bezahlung abzuheben. Beide stiegen aus dem Wagen, da wandte sich der junge Mann weg, drehte sich nach zwei Schritten wieder um und hatte plötzlich eine Pistole in der Hand, die er auf Thorsten Rathmanns Gesicht richtete. „Ich habe genau in den Lauf geschaut und war für einen kurzen Augenblick total erstarrt. Ich musste ja damit rechnen, dass das eine echte Waffe ist.“ Zeit zum Schauen und Überlegen blieb nicht. Rathmann riss einen Arm hoch, um sein Gesicht zu schützen, da knallte es auch schon. „Erst als ich merkte, dass ich nicht umgefallen war, wusste ich, dass es keine scharfe Waffe war“, sagt der Taxifahrer. Er hatte Glück: Auch Schreckschusswaffen können schwere Verletzungen verursachen. Die Luft, die beim Schuss durch den Lauf gepresst wird, tritt mit 3000 Stundenkilometern aus der Mündung, sie ist etwa 1500 Grad heiß. Als Rathmann merkte, dass er „nur“ am Auge verletzt war, verwandelte sich bei ihm die Erstarrung in Wut.

Er verfolgte den Täter, der beim Weglaufen weiter schoss, hätte ihn zweimal auch fast bekommen, doch der Mann entwischte zunächst. „Da habe ich bedauert, dass ich immer noch Raucher bin. Aber vielleicht war es auch ganz gut so“, sagt der Karatekämpfer.

Letztlich riefen Passanten, die vom Verspielen kamen, die Schüsse gehört und die Verfolgungsjagd beobachtet hatten, die Polizei. Kurze Zeit später wurde der 31-Jährige Mann in der Süderbraruper Bahnhofstraße festgenommen. Er ist ein „alter Bekannter“ der Beamten, der am Freitag einem Haftrichter vorgeführt wurde. Der erließ einen Unterbringungsbefehl – die Einweisung in ein geschlossenes psychiatrisches Krankenhaus.

Rathmann wurde an Ort und Stelle von Rettungskräften versorgt. Die Verletzung hinderte ihn aber nicht daran, schon am nächsten Tag wieder mit dem Taxi auf Tour zu gehen, das Geschäft muss laufen. Wütend aber ist er immer noch, darüber dass jemand auf ihn geschossen hat. Und darüber, dass er so hilflos war. Erschüttert aber habe ihn das Geschehen in Süderbrarup nicht, sagt er. „Aber im Moment verdränge ich das Ganze wohl noch.“

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