Interview mit Margot Kässmann : „Ich freue mich auf Schleswig“

Margot Käßmann (56) war bis 2010 Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Nach einer nächtlichen Alkoholfahrt legte sie ihre Ämter nieder. Seitdem ist Käßmann unter anderem als Autorin und Gastdozentin an verschiedenen Universitäten tätig gewesen und nimmt in der Öffentlichkeit regelmäßig Stellung zu kritischen Themen („Nichts ist gut in Afghanistan“). Seit April 2012 ist sie „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Auftrag des Rates der EKD. Käßmann ist geschieden und Mutter von vier Töchtern.
Margot Käßmann (56) war bis 2010 Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Nach einer nächtlichen Alkoholfahrt legte sie ihre Ämter nieder. Seitdem ist Käßmann unter anderem als Autorin und Gastdozentin an verschiedenen Universitäten tätig gewesen und nimmt in der Öffentlichkeit regelmäßig Stellung zu kritischen Themen („Nichts ist gut in Afghanistan“). Seit April 2012 ist sie „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Auftrag des Rates der EKD. Käßmann ist geschieden und Mutter von vier Töchtern.

Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, erinnert am Sonntag im Schleswiger Dom an den Theologen Heinz Zahrnt.

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29. Mai 2015, 07:04 Uhr

Sie ist die mit Abstand bekannteste Theologin Deutschlands: Margot Käßmann. Am Sonntag predigt die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und aktuelle „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Schleswiger Dom und präsentiert anschließend ein neues Buch. Unter dem Titel „Gott kann nicht sterben“ hat Käßmann verschiedene Texte des theologischen Schriftstellers Heinz Zahrnt, dessen Laufbahn als Pfarrer an der Schleswiger Michaeliskirche begann, zusammengestellt. Was sie persönlich mit Zahrnt verbindet und was sie bei ihrem Besuch an der Schlei erwartet, erzählt die 56-Jährige im SN-Freitagsinterview mit unserem Redaktionsmitglied Sven Windmann.

Frau Käßmann, am Sonntag sind Sie zu Gast im Schleswiger Dom. Eine Premiere für Sie?

Margot Käßmann: Nein, absolut nicht. Als ehemalige Landesbischöfin in Hannover (1999-2010; Anmerkung der Redaktion) war ich natürlich schon öfter in Schleswig. Zu den lutherischen Bischofskonferenzen ist man immer auch mal bei den anderen zu Gast. Ich kenne also auch den Dom schon. Und da ich ohnehin sehr Norddeutschland-affin bin, fühle ich mich der Region auch sehr verbunden.

Das gilt auch für den ehemaligen Schleswiger Pastor und bekannten evangelischen Theologen Heinz Zahrnt. Ihre Verbundenheit zu ihm und seiner Familie ist auch der Grund für Ihren jetzigen Besuch in der Stadt. Schließlich stellen Sie hier Ihr neues Buch über ihn vor.

Bei diesem Buch, „Gott kann nicht sterben“, handelt es sich um eine Zusammenstellung von Texten von Heinz Zahrnt, zu der ich ein Vorwort geschrieben habe. Ich bin also lediglich die Herausgeberin für seine Texte. Aber es hat mir große Freude gemacht, gemeinsam mit seiner Witwe Dorothea Merseburger-Zahrnt und Karl Lang, einem sowohl mit Zahrnt als auch mit mir befreundeten Buchhändler aus Hannover, seine wichtigsten Texte zusammenzustellen. Die beiden hatten mich gefragt, ob ich die Herausgeberschaft übernehmen würde. Und das habe ich sehr gerne gemacht, weil ich Heinz Zahrnt sehr mochte und hoch respektiere. Dass das Ergebnis jetzt in Schleswig erstmals präsentiert wird, hat sein Sohn Thomas arrangiert und organisiert. Dies ist sicherlich der passende Ort dafür. Das hätte Heinz Zahrnt sicher auch gefallen. Ich freue mich auch deshalb auf Schleswig.

Wie kam es zu der Idee, dieses Buch zusammenzustellen?

Am 31. Mai wäre Heinz Zahrnts 100. Geburtstag gewesen, eine gute Gelegenheit, sein Werk noch einmal zugänglich zu machen. Zudem kannte ich ihn sehr gut aus dem Kirchentagspräsidium und wurde, wie viele Berufskollegen meiner Generation, stark beeinflusst durch sein Buch „Die Sache mit Gott“. Das war Theologie einmal so aufgearbeitet, dass der Mensch es auch verstehen kann. Als ich damals Studentin im ersten Semester war, erschien mir die ganze theologische Debatte wie ein undurchdringbares Konstrukt aus Positionen und Meinungen. Erst Zahrnt hat mir möglich gemacht zu erkennen, wohin die Theologie eigentlich will und er hat mir die Angst genommen, historisch-kritisch mit der Bibel umzugehen. Nach dem Motto: Du kannst die Bibel als Glaubensbuch lesen, dabei aber trotzdem schauen: Wann ist sie entstanden, wer hat sie geschrieben? Man kann sie also auch kritisch lesen. Diese Einsicht habe ich Zahrnt zu verdanken, das war damals ein großer Durchbruch.

Wie kam es dann zu einem persönlichen Verhältnis zwischen Ihnen und Heinz Zahrnt?

Wir haben uns über die Kirchenarbeit kennen gelernt. Er mochte mich am Anfang überhaupt nicht leiden, als ich zur Generalsekretärin des Kirchentages gewählt wurde. Weil ich so stark im Ökumenischen Rat engagiert war, sagte er immer mit leicht ironischem Unterton: „Frau Dr. Generalsekretärin“ zu mir. Immer wieder einmal lud er mich aber zum Essen ein, irgendwann sagte er „Meine liebe Frau Generalsekretärin“. Und eines Tages rief er mich an und fragte: „Liebes, würden Sie mich beerdigen? Es ist jetzt bald soweit.“ Das hat mich sehr berührt. Und ich habe die Trauerfeier und Beerdigung für ihn dann auch sehr gerne gehalten, weil wir eine wirklich gute Beziehung zueinander hatten. Er hat mich einfach fasziniert. Wie er über Gott und den Glauben reden und schreiben konnte, das war mir immer ein großes Vorbild.

Nennen Sie uns ein Beispiel?

Als ich ihn 2003 in seiner späteren Heimat Soest beerdigt habe, hatte er mich noch einmal beeindruckt mit seinem letzten Buch „Glaube unter leerem Himmel“, das kurz zuvor veröffentlicht wurde und in dem er sich auch mit dem eigenen Sterben auseinandersetzt. Da findet er im „Letzten Kapitel“ ein sehr schönes Bild, in dem er sagt, dass unser Leben eine Einbahnstraße auf Gott hin ist, aber der Tod keine Sackgasse ist, sondern nur eine Station auf diesem Weg. Er findet auch hier wieder wunderbare, verständliche Bilder. Das gilt auch für einen anderen Text, den wir für das Buch ausgewählt haben. Er heißt „Der Mensch an der Grenze.“ Den hat Heinz Zahrnt direkt nach dem Krieg geschrieben. Dabei handelt es sich um einen Dialog zwischen zwei jungen Männern, von denen einer nicht mehr leben möchte, weil ihm der Krieg so sehr zugesetzt hat. Das hat mich sehr bewegt, weil er seine eigenen Erfahrungen als Soldat eindrucksvoll verarbeitet hat. Der Text ist 1947 erschienen, auf ganz grauem Papier, noch mit einem amerikanischen Stempel versehen. Ich bin überzeugt davon, dass dieser Mann insgesamt so geschrieben hat, dass Interessierte am Glauben gefesselt seine Worte lesen können. Es gibt bis heute kaum etwas Besseres.

Sie wollen in Schleswig aber nicht nur das Buch vorstellen. Wie sieht Ihr Zeitplan für das Wochenende aus?

Ich komme schon morgen Abend an. Dann treffen wir uns zum Abendessen bei der Familie von Thomas Zahrnt, die uns eingeladen hat. Unter anderem ist dann auch Arnd Brummer, der Chefredakteur der Zeitschrift „Chrismon“ dabei, der auch am Sonntag an der Matinee im Dom teilnehmen wird. Dort gibt es zuvor einen normalen Gottesdienst. Pastor Thieme-Hachmann gestaltet die Liturgie und ich halte die Predigt, in der ich bereits auf die Person Heinz Zahrnt eingehen werde. Auch Pastor Thieme-Hachmann wird einzelne Textstellen von ihm aufnehmen. Daran schließt sich dann die Matinee an, bei der ich kurz erzählen werde, wie das Buch entstanden ist. Arnd Brummer wird schließlich einen Vortrag über Heinz Zahrnt halten.

Bleibt bei solchen Terminen, wie diesem in Schleswig, überhaupt noch Zeit, um sich die Stadt einmal in Ruhe anzusehen?

Das versuche ich in der Regel schon. Erst neulich war ich zu einem Termin in Weimar, da habe ich auch eine Führung mitgemacht. Wenn es möglich ist, schaue ich mir die Städte sehr gerne an. Mal sehen, ob ich in Schleswig noch Zeit dazu finde. Ich muss ja am Montagmorgen wieder pünktlich in meinem Büro in Berlin sein. Dann geht es für mich gleich weiter nach Wittenberg. Dort sehen sich Unternehmer die Stadt an, und ich als Botschafterin werde versuchen zu werben, damit das Reformationsjubiläum 2017 fleißig unterstützt wird. Danach geht es weiter zum Kirchentag in Stuttgart.

Sie sind eine gefragte und noch immer sehr beliebte Frau. Auch in Schleswig, so hört man von Seiten der Organisatoren, rechnet man am Sonntag mit einem vollen Dom. Wie erklären Sie sich Ihre Popularität?

Das will und kann ich selbst gar nicht beurteilen. Viele kennen mich einfach. Wenn das dazu führen sollte, dass der Dom voll ist, freut es mich natürlich, weil ein schöner gemeinsamer Gottesdienst ermutigend ist für alle.

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