zur Navigation springen

Lehrstunde vom Skat-Meister (91) : „Ich dachte ja, jetzt kommt wieder Pik“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Otto Fittkau aus Stolk zeigt zwei Redaktionsmitgliedern, warum er auch mit 91 Jahren beim Skat seine Spiele gewinnt.

von
erstellt am 07.Feb.2016 | 11:18 Uhr

Otto Fittkau ist im besten Sinne des Wortes ein Altmeister. 91 Jahre ist der ehemalige Landwirt alt, überaus fit im Kopf, und in seinem Skatclub Klappholz hat er gerade wieder einen schmucken Jahrespokal für die meisten Punkte an den Clubabenden bekommen. Es ist der sechste dieser Art – und wahrscheinlich nicht der letzte: Bei den Runden nach der Jahreshauptversammlung war der Älteste wieder der Beste.

Schach-Amateure können gegen Großmeister auf Simultan-Turnieren antreten, Kreisligisten dürfen gelegentlich Testspiele gegen Bundesliga-Teams machen.

Unsere Redaktionsmitglieder Alf Clasen und Gero Trittmaack haben früher einmal viel Skat gespielt. Aber das ist lange her. Otto Fittkau hat ihnen einige hunderttausend Spiele voraus. Dennoch empfing er die beiden Amateure ohne zu zögern auf seinem Hof in Stolk zu einer Runde.

Otto Fittkau wartet schon auf uns. Ein kräftiger Mann, dem man sein Alter nicht ansieht. Es war sicher nicht seine Absicht, uns einzuschüchtern, aber die im Flur aufgereihten Pokale sind schon beeindruckend. „In der Stube sind noch viel mehr“, sagt er. Meine letzte Skat-Partie liegt mehr als 40 Jahre zurück. Sogar einen Preisskat habe ich einmal in Haus der Jugend in Husum gewonnen. Dafür gab es die nagelneue Platte von Udo Lindenberg: „Ball Pompös“. Erscheinungsdatum 1974. Das hier kann gar nicht gut gehen. Es droht eine kapitale Blamage.

Unser Gegner hat sein Handwerk schon als Kind in Ostpreußen gelernt. Bei Feiern zogen sich die Männer in einen Extra-Raum zurück, spielten Skat. Der kleine Otto schaute zu und lernte. Gespielt hat er sein Leben lang. Als Mitglied in den Clubs Klappholz und Tarp ist er regelmäßig im Einsatz. Aber inzwischen nimmt er nicht mehr jeden Preisskat mit. Er will seine Frau nicht so oft alleine lassen. Mit ihr spielt er Rommee.

Otto Fittkau legt ein nagelneues Spiel auf den Tisch und erklärt die Regeln. Es wird streng nach der internationalen Skatordnung gespielt. Der Skat wird nicht umgedreht, Grand zählt 24 und geschnackt wird nicht.

Das erste Spiel ist einfach. Herz, ich gewinne ohne Probleme. Ein Oma-Spiel. Da konnte ich nichts falsch machen. Trotzdem ein gutes Gefühl.

Was der Kollege Trittmaack kann, kann ich ja wohl auch. Ich muss geben, und das Mischen verlernt man schon mal gar nicht. „Das geht flinker als bei mir“, sagt Otto Fittkau anerkennend, als die Karten durch meine Hände gleiten. Ist ja auch kein Wunder, in Sachen Motorik kommen mir die rund vier Jahrzehnte Altersunterschied natürlich zugute. Aber jetzt flutscht tatsächlich auch das Blatt. Ich spiele, einfach Kreuz zwar nur, dafür aber kommen die Gegner nicht aus dem Schneider. Geht doch.

Und die Karten laufen weiter – nur nicht für Otto Fittkau. „Ihr meint das ja nicht gut mit mir“, grummelt er, als er wieder ein schlechtes Blatt aufnimmt. Aber ein guter Skatspieler bleibt geduldig. „Mit Gewalt spielen zu wollen, bringt nichts. Wenn nichts läuft, musst du den Mund halten.“

18, 20, 22 ... bei 33 kommt unser Gastgeber ans Spiel. Aber die beiden Karten im Skat – Karo 7 und Karo 9, wie er uns später verrät – sorgen für Ernüchterung. „Den kann ich nicht gewinnen“, sagt Otto Fittkau und runzelt die Stirn. Um sich und uns anschließend das Gegenteil zu beweisen. Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht. „Ein bisschen Risiko muss natürlich schon sein. Sonst kriegt man ja gar nichts.“

So langsam nimmt die Runde Fahrt auf. Ich erinnere mich an den Spruch: Kurzer Weg, lange Farbe. Das ist auch nach über 40 Jahren noch eingebrannt. Aber ich merke auch, dass ich damit allein nicht weiterkomme: Ich spiele zusammen mit Otto Fittkau gegen ein normales Farbenspiel des Kollegen Clasen. Das Gefühl: Da ist was drin für uns. Nach ein paar Trumpfstichen bringt mich der Altmeister in Vorhand mit Pik ans Spiel. Und nun? Pik weiterspielen oder meine blanke Karo 8? Ich entscheide mich für Karo, wir verlieren. Die Karten werden zusammengeräumt, Otto Fittkau räuspert sich und sagt trocken: „Ich dachte ja, jetzt kommt wieder Pik.“ Der Finger liegt in der Wunde. Ein ruhig vorgetragener Anschiss allererster Güte. Und das völlig zu Recht. Das Selbstbewusstsein rauscht in den Keller.

Jetzt hat es auch mich erwischt. Ich komme nur auf 52 Punkte – mein Herz-Spiel ist in die Hose gegangen. Geros fünf Trümpfe waren zu viel für mich, sein „Kontra“ absolut berechtigt. Vielleicht wäre mehr drin gewesen, wenn ich zwischendurch nicht den Überblick verloren hätte. Konzentration ist beim Skat das A und O. „Ich zähle die Trümpfe mit, mehr nicht“, verrät der Altmeister seine Taktik. „Sonst komme ich in Tüdel.“

Nach gut anderthalb Stunden blüht Otto Fittkau erst richtig auf. Von Konditionsproblemen keine Spur. Und seine Karten werden besser. Ein Farbenspiel ohne Vier, gleich hinterher noch ein Grand, auch ohne Buben. „Tja“, sagt er mit einem Lächeln, „mit Vier ist einfacher.“

Als die Karten schließlich   zusammengepackt werden, steht fest: Es hat trotz der eigenen Unzulänglichkeiten Spaß gemacht, wir haben uns nicht allzu sehr blamiert. Ich fühle mich dennoch ähnlich wie vor einigen Jahren bei einer unspektakulären Niederlage gegen den Schach-Großmeister Vlastimil Hort: Schön, das mal erlebt zu haben. Aber für mich ist auch Otto Fittkau eine Nummer zu groß.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen