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Psychiatrie-Opfer Alfred Koltermann : „Ich bin sehr enttäuscht“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Psychiatrie-Opfer Alfred Koltermann wird wohl 14.000 Euro als Entschädigung erhalten – gehofft hatte er auf eine monatliche Rente.

Alfred Koltermann hat heute Geburtstag. Er wird 64 Jahre alt. Im nächsten Jahr geht er in Rente. Das Geld, das er dann monatlich bekommt, wird nicht zum Leben reichen. Denn über viele Jahre hat er zwar gearbeitet, aber sein Arbeitgeber zahlte für ihn bis Ende der 80er Jahre keine Beiträge in die Rentenversicherung. So wie ihm geht es Tausenden anderen Menschen, die in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik ihre Kindheit in psychiatrischen Krankenhäusern verbrachten und als junge Erwachsene zu so genannter Therapiearbeit eingeteilt wurden.

Mit dem Kampf um seine Rente ist Koltermann, der kaum Schulbildung hat und dem es schwer fällt zu lesen und zu schreiben, in den vergangenen Monaten zu einer kleinen Berühmtheit geworden. Nach den SN berichteten auch andere Zeitungen und das Fernsehen über ihn. In die schleppende Aufarbeitung der Geschehnisse auf dem Hesterberg kam neuer Schwung. Noch vor wenigen Jahren stießen Koltermann und seine Leidensgenossen auf Skepsis, wenn sie berichteten, wie sie als Kinder geschlagen und sexuell gedemütigt wurden. Heute zweifelt niemand, der sich mit der Materie befasst, ihre Schilderungen mehr an. Zu viele Opfer haben sich inzwischen zu Wort gemeldet.

Alfred Koltermann hat dennoch das Gefühl, gescheitert zu sein. In der vergangenen Woche war er nach Berlin zu einer Anhörung im Bundesarbeitsministerium eingeladen. Es war schon sein zweiter Termin in der Bundeshauptstadt. „Ich bin sehr enttäuscht“, sagt er. Seine große Hoffnung war, genau so behandelt zu werden wie die Menschen, die in den Jahren vor 1975 in Kinder- und Jugendheimen untergebracht waren und dort teilweise ähnliches Leid erfahren haben wie er auf dem Hesterberg. Für diesen Personenkreis gibt es schon seit Jahren eine Entschädigungsregelung und auch einen Ausgleich für nicht erworbene Rentenansprüche.

Bund und Länder haben lange darüber gestritten, wer für die Psychiatrie-Opfer zahlen soll. Jetzt ist eine Einigung in Sicht. Sie sieht vor, dass die Psychiatrie-Opfer 5000 Euro als einmalige Entschädigung erhalten und außerdem bis zu 9000 Euro als Ausgleich für entgangene Rentenansprüche – ebenfalls als Einmalzahlung. Alfred Koltermann kann also mit höchstens 14  000 Euro rechnen. Die früheren Bewohner von Kinderheimen hingegen haben nach Angaben ihrer Interessenvertretung AeHD bis zu 25  200 Euro bekommen. Wenn die Arbeit behinderter und psychisch kranker Menschen weniger geschätzt und geringer ausgeglichen werde, sei das ein Skandal, heißt es in einer Stellungnahme der AeHD.

Alfred Koltermann hatte immer auf eine monatliche Zusatzrente von ein paar hundert Euro gehofft. „Die 14  000 Euro sind irgendwann weg“, fürchtet er. Er fühlt sich auch von der Kirche im Stich gelassen. In den Gremien, die jetzt über die Entschädigung beraten, sitzen auch Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche. Das Schleswiger Landeskrankenhaus war eine staatliche Klinik, aber auch in kirchlichen Einrichtungen in ganz Deutschland mussten Kinder damals ähnlich leiden. An der geplanten Stiftung „Anerkennung und Hilfe“, aus der die ehemaligen Psychiatrie-Bewohner entschädigt werden sollen, werden sich deshalb auch die Kirchen beteiligen. Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums sind die Vorbereitungen zur Errichtung der Stiftung bereits weit fortgeschritten, jedoch sei der Meinungsbildungsprozess noch nicht in allen Einzelfragen abgeschlossen. Ziel sei es, dass die Stiftung ihre Arbeit in der zweiten Jahreshälfte 2016 aufnehmen kann. Sollte es so kommen, darf Alfred Koltermann hoffen, dass er seine Entschädigung erhält, wenn er nächstes Jahr in Rente geht.

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erstellt am 17.Feb.2016 | 07:49 Uhr

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