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Landwirt aus Gelting : „Ich bin Lebensmittelproduzent, kein Tierquäler“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Er hat die Kritik an seinem Berufsstand satt: Deshalb gewährt der Geltinger Landwirt Thomas Asmussen Einblick in seinen Schweinemastbetrieb.

shz.de von
erstellt am 03.Sep.2014 | 17:06 Uhr

Gelting | Ehrlich sein. Das sei doch wohl das Mindeste, was man verlangen könne im Umgang mit ihm und seinen Berufskollegen. Denn dass die Leute ständig mit dem Finger auf ihn zeigten, darauf hat Thomas Asmussen schon lange keine Lust mehr. „Dieser ständige Gegenwind, die ständigen Anschuldigungen, das macht auf Dauer keinen Spaß. Ich bin kein Tierquäler und kein Umweltverschmutzer. Ich bin Lebensmittelproduzent. Punkt.“

Tatsächlich produziert Thomas Asmussen Lebensmittel. Genauer gesagt: Fleisch. Der hoch gewachsene Familienvater mit dem kräftigen Händedruck ist Schweinemäster. Rund 5000 Tiere durchwandern pro Jahr seinen Hof am Ortsrand von Gelting: vom Ferkelaufzuchtstall bis in den Maststall. Vor gut 15 Jahren hat er den Betrieb von seinem Vater übernommen, 2007 erweiterte er, baute einen modernen Maststall an. „Eine Entscheidung, die ich so wahrscheinlich nicht nochmal treffen würde“, wie Asmussen zugibt. „Denn das Wachstum ist auf Null. Und dazu bekommt man immer wieder auch noch auf die Mütze.“

Rund 5000 Mastschweine pro Jahr durchwandern den Betrieb von Landwirt Thomas Asmussen (41). Welche seiner Sauen dabei die meisten Ferkel werfen, oder welche von ihnen die höchsten Totgeburtsraten vorweisen, wird dabei genau dokumentiert.
Rund 5000 Mastschweine pro Jahr durchwandern den Betrieb von Landwirt Thomas Asmussen (41). Welche seiner Sauen dabei die meisten Ferkel werfen, oder welche von ihnen die höchsten Totgeburtsraten vorweisen, wird dabei genau dokumentiert. Foto: Windmann

Medikamentenmissbrauch, Futtermittelskandale, Güllemassen: Die Liste der Vorwürfe gegen die Massentierhaltung ist in der Tat lang und wird stetig erweitert. Zuletzt standen erneut Antibiotika-Resistenzen und Tierquälerei-Vorwürfe im Fokus der Öffentlichkeit. „Irgendwas kommt immer. Leider“, sagt Asmussen. Resignieren kommt für ihn dennoch nicht in Frage. Dafür ist er zu sehr Landwirt und überzeugt von dem, was er tut. Deshalb hat es sich der 41-Jährige zur Aufgabe gemacht, eine Lanze zu brechen für seinen Berufsstand. Anstatt sich hinter den Mauern seines Hofes zu verschanzen, geht er in die Offensive. „Warum auch nicht? Ich habe nichts zu verstecken“, sagt er fast trotzig.

Entsprechend selbstsicher öffnet er seinen Stall und zeigt, was sich hinter den Mauern verbirgt. Mit traditioneller Landwirtschaft, das wird schnell deutlich, hat das allerdings nicht mehr viel gemein. Im Gegenteil: Hier ist alles hoch technisiert, auf dem modernsten Stand: Klimacomputer steuern Temperatur und Luftzufuhr, Listen im PC geben Aufschluss über jedes einzelne Tier, egal ob es um sein Gewicht, seine Abstammung oder eine Auflistung der verabreichten Medikamente geht. Futtercomputer sorgen dafür, dass es immer genug reichhaltige Nahrung gibt. Sämtliche Abläufe sind optimiert, bis ins kleinste Detail – damit die Produktion möglichst effektiv vonstatten geht. „Wir – und damit meine ich auch den Bauernverband – haben die Verbraucher 20, 30 Jahre lang stehen lassen. Die meisten Leute denken heute immer noch, dass Landwirtschaft so funktioniert wie in den schönen bunten Kinderbüchern. Das fliegt uns jetzt um die Ohren. Deshalb müssen wir in diesem Punkt dringend nachbessern.“

Was er mit seiner Forderung nach einem authentischen Bild der heutigen Landwirtschaft meint, wird schnell deutlich, wenn man zwischen den gut gefüllten Buchten im sogenannten Abferkelstall steht: Stroh sucht man hier vergeblich. Stattdessen liegen die Muttersauen auf Vollspalten, eingeklemmt in einen „Ferkelschutzkorb“, wie Asmussen sagt. Dass andere Menschen in dieser Vorrichtung eher einen Eisenkäfig sehen, wisse er. „Aber es schützt die Ferkel, damit sie nicht von der Mutter erdrückt werden. Und die hoch tragenden Sauen wollen ohnehin viel Ruhe.“

Eine Woche vor dem Abferkeln liegen die Sauen hier, dann säugen sie 23 Tage lang im Schnitt zwölf Ferkel. Sicherlich sei in dieser Zeit zwar die Bewegungsfreiheit der Muttersauen (jede wirft im Durchschnitt sechs bis sieben Mal im Leben) eingeschränkt, schaden tue es den Tieren aber nicht. „Und am Ende geht es schlicht und einfach auch darum, so wenig Tiere wie möglich zu verlieren.“ In sogenannten Freilaufbuchten sei die Sterberate bei den Ferkeln um zehn Prozent höher. „Und das kann ich mir gar nicht leisten.“

Eng an eng beim Fressen: Ein Quadratmeter Platz steht einem Mastschwein gesetzlich zu.
Eng an eng beim Fressen: Ein Quadratmeter Platz steht einem Mastschwein gesetzlich zu. Foto: Windmann

Denn um Geld zu verdienen, sind in seinem Stall, wie in jedem wirtschaftlich orientierten Betrieb, sämtliche Abläufe bis ins letzte Detail durchkalkuliert. Der Aufwand pro verkauftem Mastschwein liege, so rechnet Asmussen vor, bei etwa 157 Euro, der Ertrag, der dem gegenübersteht, bei rund 173 Euro. Ähnlich verhalte es sich bei den Ferkeln. Mehr als 20 Euro würde er am Ende an keinem Tier verdienen. Stetig steigende Futterpreise, Tierarzt, Medikamente, Strom, Wasser: All das hat seinen Preis. Und da seien ja auch noch die Investitionskosten, beim Bau der Anlage. Die lägen pro Sauenplatz bei 4000 Euro. Ein Mastplatz, davon hat Asmussen 1440, koste rund 500 Euro.

Entsprechend ausgelastet sind die einzelnen Ställe in dem Geltinger Betrieb: Vom Ferkelstall geht es dabei für die Jungtiere weiter in den Aufzuchtstall. Wenn sie dort dann nach rund 70 Tagen ein Gewicht von etwa 30 Kilogramm aufweisen, ziehen sie in den Maststall um. Mit 120 Kilogramm nach rund 190 Tagen Lebenszeit sind die Tiere schlachtreif. Parallel dazu müssen die Sauen immer wieder befruchtet werden, um für ausreichend Nachschub zu sorgen. Dafür herrscht im sogenannten „Eros-Center“, wie Asmussen sagt, stets Hochbetrieb. Hier werden die Sauen jeweils mehrfach befruchtet. Per Ultraschall-Scanner prüfen Asmussen und seine Mitarbeiterin, ob die Tiere trächtig sind. Ist das der Fall, wird nach rund 115 Tagen per Hormonspritze die Geburt eingeleitet. Dazwischen liegen meist 70 Sauen im sogenannten niedertragenden Bereich gemeinsam im wahrsten Sinne des Wortes auf der faulen Haut. Hier haben die Tiere so viel Platz, wie sonst nicht in ihrem Leben – auch wenn sie sich gerade in dieser Zeit, wie Asmussen erklärt, gar nicht viel bewegen wollen. „Ein Schwein hat 16 Stunden Ruhebedarf am Tag. Das kann man hier besonders gut beobachten.“

Eine Sau mit ihren Ferkeln in einer Box.
Eine Sau mit ihren Ferkeln in einer Box. Foto: Windmann

Ganz anders die Situation im Maststall. Je älter – und damit größer und schwerer – die Tiere werden, desto mehr Gedränge herrscht hier. „Es ist mir bewusst, dass es zum Ende der Mast und auch in der letzten Woche, in der die Tiere im Ferkelstall sind, recht eng wird“, gibt Asmussen zu. „Wenn wir wüssten, dass mehr Platz auch mehr Wachstum bedeutet, würden wir das ja machen. Aber es ist wissenschaftlich erwiesen, dass das nicht der Fall ist.“

Dass sich die Tiere in den Ställen immer wieder gegenseitig verletzen, hingegen schon. Ein Streitpunkt, den Schweinemäster und Tierschützer in diesem Zusammenhang schon lange ausfechten, ist das Kupieren der Schwänze. Asmussen hat darauf reagiert und hält nun schon seit Jahren in Kooperation mit der Universität Kiel regelmäßig Versuchsgruppen mit Tieren mit langen Schwänzen. Allerdings, und das ist der Haken, „ist das Forschung auf meine Kosten“. Denn weder Verluste von Tieren würden ausgeglichen, noch die Tierarztkosten etwa für die Behandlung von Bissverletzungen, die deutlich häufiger vorkämen als bei Ferkeln mit kupierten Schwänzen. „Die Politik und die Verbraucher fordern immer viel von uns, aber unterstützt wird man kaum“, klagt Asmussen. Gleiches gelte für das Kastrieren von männlichen Tieren, das auf EU-Initiative künftig gesetzlich verboten werden soll. Dabei, so der Landwirt, würden die männlichen Sexualhormone Teile des Fleisches vom Geruch her ungenießbar machen – und damit unverkäuflich. „Wir sind immer bereit, nach Lösungen zu suchen. Aber wenn man Nutztierhaltung optimieren will, dann doch wohl mit uns im Dialog und nicht, indem man uns etwas einfach aufdiktiert. Wir wissen schließlich am besten, was gut ist für unsere Tiere“, meint er und kommt dabei auch auf ein weiteres heikles das Thema zu sprechen: den Einsatz von Medikamenten in der Massentierhaltung.

Längst nicht so extrem wie immer behauptet werde, aber so viel wie nötig, sagt Asmussen, würden Medikamente in seinem Stall eingesetzt. „Wir sind Lebensmittelproduzenten, wir können uns nicht erlauben, dass es unseren Tieren schlecht geht. Wir nutzen Medikamente dann, wenn Sauen oder Ferkel krank sind. Ich bin schließlich verpflichtet, kranken Tieren zu helfen.“ Damit das aber so selten wie möglich der Fall ist, würden sämtliche Ställe und Buchten regelmäßig gesäubert und desinfiziert. „Wir Landwirte haben ein System geschaffen, um möglichst keimfrei zu arbeiten“, sagt er dazu – und verweist wieder auf das veraltete Bild vom Kinderbuch-Bauernhof.

Rund 38 Kilogramm Schweinefleisch essen die Deutschen jährlich pro Kopf. Bei den meisten Verbrauchern gilt, da ist sich Asmussen sicher, nach wie vor auch beim Kauf von Fleisch die Devise: Geiz ist geil. 1,60 Euro verdient der Landwirt zurzeit an einem Kilo Schweinefleisch. Und die Preise könnten weiter sinken, meint er mit Blick auf die Milliarden-Investition des größten deutschen Fleischkonzerns Tönnies in Russland. „Da soll sich jeder mal fragen, ob er doch nicht lieber die sichere deutsche Produktion behalten will“, meint Asmussen und setzt nach: „Ich glaube, diese ganze Kritik an der Massentierhaltung wird von einer Schicht geführt, die es sich leisten kann, Biofleisch zu kaufen oder nur wenig Fleisch konsumiert.“ Oder warum sonst, fragt er, stagniere der Anteil von Bio-Schweinefleisch auf dem deutschen Markt seit Jahren bei unter zwei Prozent?

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