„Ich bin eben Ingo“

BfB-Ratsfraktionschef Ingo Harder über Bürgernähe, unterschiedliche Vorstellungen von Kultur und sein neues AC/DC-Tattoo

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13. Juli 2018, 10:41 Uhr

In der Ferienzeit bitten wir die Vorsitzenden der Ratsfraktionen nacheinander zum Sommerinterview. Diesmal hat sich Ingo Harder vom Bündnis für Bürger (BfB) im Straßencafé der Bäckerei Jaich im Stadtweg den Fragen von Redaktionsmitglied Alf Clasen gestellt. Kein ganz einfaches Gespräch, denn immer wieder musste der in Schleswig wie ein bunter Hund bekannte Harder zwischendurch vorbei flanierende Passanten grüßen – stets mit einem fröhlich-lauten „Hallo, Moin Moin“.

Herr Harder, zunächst einmal müssen wir über Ihr neues Tattoo sprechen, das Sie bei Facebook stolz präsentiert haben ...

(Lacht) ... schon seit vielen Jahren wollte ich ein Tattoo mit meiner absoluten Lieblingsband AC/DC haben, aber irgendwie bin ich nie dazu gekommen. Am vergangenen Sonnabend wollten sich nun meine Frau und meine beiden Stieftöchter ein Familien-Tattoo stechen lassen. Da habe ich spontan gesagt: Ich komme mit – und jetzt habe ich das und freue mich drüber. Übrigens: Wenn ich mal sterbe, dann wird bei der Trauerfeier auch was von AC/DC gespielt – und keine Kirchenmusik.

Sie dürften das einzige oder zumindest eines der wenigen Ratsmitglieder mit Tattoo sein.

Kann ich mir gut vorstellen. Ich glaube nicht, dass da viele Leute mit Tattoos rumlaufen.

Sie setzen sich ja auch sonst gerne bewusst von den etablieren Parteien ab.

Ich habe immer gesagt, ich möchte ehrliche Politik machen. Und ich möchte nicht als Ja-Sager dastehen.

Ist es Ihnen in Ihrer ersten Legislaturperiode gelungen, ehrliche Politik zu machen?

Ja. Ich habe für alles, was vor fünf Jahren in unserem Wahlprogramm stand, gearbeitet und gelebt. Auch wenn einiges nichts wurde – zum Beispiel der Gesundheitsstandort Schleswig, worüber ich noch immer enttäuscht bin.

Wie schwer ist es für Sie als Einzelkämpfer im Rat gewesen?

Die ersten beiden Jahre waren abenteuerlich. Da wurde ich überhaupt nicht für voll genommen. Ich war ja nur der kleine Fliesenleger, der von gar nichts Ahnung hat. In den letzten Jahren hat sich das dann aber doch ein bisschen gewandelt. Ich werde inzwischen von den meisten respektiert und ernst genommen.

Nicht von allen?

Bei einigen herrschen komplett unterschiedliche Vorstellungen von Kultur vor. Für mich gibt es mehrere Formen von Kultur: Dazu gehören auch Musikveranstaltungen wie „Schleswig swingt“. Doch es gibt einen Ratsherrn, der findet, dass „Schleswig swingt“ eine Saufveranstaltung für den Pöbel ist. Das finde ich ungeheuerlich. Dazu passt, dass die Vertreter der viel gepriesenen Hochkultur, zu denen eine Handvoll Leute gehören, es einfach nicht akzeptieren wollen, dass wir nicht mehr die „Freundliche Kulturstadt“ sind sondern „Wikingerstadt“.

Stichwort Hochkultur: Stehen Sie trotzdem dazu, dass Schleswig ein neues Theater bekommt?

Man hat mir vorgeworfen, dass ich ein Kulturbanause bin. Das bin ich aber mitnichten, ich habe früher selbst jahrelang Theater gespielt. Und jetzt halte ich daran fest, dass Schleswig eine neue Spielstätte bekommt. Ob das eine mit Orchestergraben wird, das hängt von den Kosten ab. Die Ratsversammlung hat entschieden, dass wir fünf Millionen Euro beisteuern. Mehr kann sich Schleswig nicht leisten. Dazu stehe ich.

Welche Probleme außer einem fehlenden Theater stehen für Sie oben auf der Agenda? Wir sitzen hier in der Ladenstraße mit ihren vielen Leerständen.

Die Leerstände in der Ladenstraße gab es schon immer. Erschwerend hinzu kommt heute natürlich die Konkurrenz im Internet. Die Innenstadtsanierung kann aber einen positiven Effekt bewirken, wenn sie richtig durchgezogen wird. Dann werden wir auch wieder eine größere Frequentierung in der Stadt haben. Wichtig dabei sind auch die Sindram-Häuser an den Königswiesen und das alte Krankenhaus, das neu entwickelt wird. Ich kann mir vorstellen, dass das dazu beitragen wird, dass wir auch auf der Hertie-Ecke einen Investor finden werden.

Der Bürgermeister spricht seit langem davon, dass er Investoren für das Hertie-Gelände an der Hand habe.

Das kann nicht sein, sonst hätte er irgendwann mal Namen genannt. Das Gleiche gilt für das alte Theatergelände. Da hieß es auch immer, es gebe Investoren – aber nichts bewegt sich.

Muss die Politik mehr Druck machen?

Ja. Der Bürgermeister muss mal in die Puschen kommen und Ross und Reiter nennen.

Sie sitzen jetzt zu zweit für das Bündnis für Bürger in der Ratsversammlung. Können Sie Ihre Interessen nun eher durchsetzen?

Es bleibt grundsätzlich schwierig. Denn wenn sich CDU und SPD in der neuen Ratsversammlung einig sind, dann haben sie zusammen die Mehrheit. Aber immerhin haben wir jetzt Fraktionsstatus und damit Stimmrecht in den Ausschüssen. Dadurch werden wir mehr wahrgenommen – auch von der Presse ...

... deswegen sitzen wir hier zum Sommerinterview ...

(Lacht) Das ist auch gut so. Es gibt ja viele Leute, die denken immer noch, ich sei bei den Freien Wählern. Von denen haben wir uns aber klar distanziert.

Zusammen könnten beide Wählergemeinschaften aber vielleicht mehr bewegen. Gibt es Bestrebungen, sich in der neuen Legislaturperiode anzunähern?

Niemals! Der aggressive Wahlkampf der Freien Wähler hat mir überhaupt nicht gefallen. Sowas ist mir völlig fremd.

Eine große Chance bietet sich der Stadt durch die Weltkulturerbestätten.

Das ist eine riesige Chance. Jetzt muss die Verwaltung aber auch mal aus dem Kreuz kommen und die „Wikingerstadt“ wirklich leben – und nicht immer nur rumlabern. Das können Sie genau so schreiben. Wir haben vor vier Jahren den Slogan „Wikingerstadt“ beschlossen. Passiert ist gar nichts. Jetzt mit dem Welterbe vor der Haustür sind wir verdammt nochmal in der Pflicht, etwas zu machen.

Passen umstrittene Figuren wie die „Sleswigsons“ dazu?

Die finde ich toll. Einige kritisieren die Figuren, zum Beispiel wegen der Knollennasen. Aber wir wollen ja nicht nur alte Menschen ansprechen, sondern auch Familien mit Kindern. Man kann nicht den Geschmack aller Leute treffen. Was ich aber verurteile, ist, dass alles zu Brei geredet wird, wenn jemand eine Idee hat. Und das von Leuten, die nie mal selber die Ärmel hochkrempeln und was machen. Die reden alles nur schlecht. Ich frage mich manchmal: Warum wohnen die überhaupt noch hier in Schleswig?

Sie selbst gelten als bürgernah.

Und das finde ich auch wichtig. Ich werde zu jeder Tageszeit angesprochen und lasse mir Probleme schildern. Diese Bürgernähe vermisse ich bei vielen Politikern in der Stadt. Es gibt einige, die sich nie blicken lassen. Als zum Beispiel die Feuerwehr ihr Jubiläum gefeiert hat, waren erschreckend wenige Ratsmitglieder anwesend. Das ist für mich ein Zeichen mangelnder Wertschätzung. Das ist bei mir anders. Ich bin einer, der diese Stadt liebt und hier auch richtig lebt. Ich bin eben Ingo.

Auch ein Ingo braucht mal Urlaub. Haben Sie jetzt im Sommer, wo Sie große Veranstaltungen organisieren, überhaupt Zeit dazu?

(Lacht) Ich hab’ doch jeden Tag Urlaub – ich wohne in Schleswig. Aber im Ernst: Wir versuchen, einmal im Jahr eine Woche wegzukommen. Im Sommer ist dafür tatsächlich keine Zeit. Dafür fliegen wir im Herbst in die Türkei. Eine Woche reicht aber wirklich – danach will ich auch wieder zurück nach Schleswig.

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