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Landwirtschaft : Hohe Pacht + sinkende Preise = kaputte Betriebe

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Immer mehr Landwirte im Kreis Schleswig-Flensburg müssen aufgeben. Schweinemast und Milchproduktion werfen nicht mehr genug ab. Und auch der Bürokratieaufwand nervt die Bauern.

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2015 | 07:38 Uhr

Sinkende Preise für Schweinefleisch und Milch machen immer mehr Landwirten arg zu schaffen. Vor allem kleinen bis mittelgroßen Betrieben geht auch im Kreis Schleswig-Flensburg die Luft aus. Viele Bauern lösen einzelne Produktionszweige oder gleich den ganzen Hof auf.

Axel Andresen aus Twedt gibt den niedrigen Preisen die Schuld für seine Misere. „Als Landwirt, der zwischen zwei Werken der Tönnies-Fleischwerke (Böklunder, Redlefsen, d. Red.) Schweine mästet, bin ich nicht weiter bereit, an dieser Vermögensumverteilung teilzunehmen“, erklärt er. Er bezieht sich dabei auf das erhebliche Vermögen des Unternehmers Clemens Tönnies. Es gebe Zeiten, in denen Schweinefilet preiswerter sei als Katzenfutter. Deshalb habe er seine Mastplätze auf ein Drittel reduziert und würde, fall die Rahmenbedingungen andauerten, diese ganz einstellen, wenn seine Futterkontrakte ausgeliefen. „Lass ihn leer, dann hast du mehr“, lautet sein Fazit zum Maststall.

Sönke Hansens Hof in Havetoftloit ist seit sechs Generationen und 160 Jahren in Familienbesitz. Mit Tochter Christina steht die siebte Generation bereit. Doch ob es dazu kommt, steht für Hansen nicht fest. Er hatte das Schweinefleisch-Desaster kommen sehen. Deshalb hatte er seinen Bestand an Ferkel werfenden Sauen bereits reduziert und will diesen nun auf Null fahren. Dafür stellte er seinen Milchbetrieb von 50 auf 80 Kühe um – bei den momentan Milchpreisen ein unternehmerischer Fehlgriff. Auch seine Herde von 300 Schafen reduzierte er auf 80. Denn von den 120 Hektar, die er bewirtschaftet, sind 85 Hektar Pachtland. Und bei den momentan üblichen Pachtpreisen können wir nicht weitermachen“, erklärt er. Auch nehme die Bürokratie immer mehr zu. Daran sitze er täglich stundenlang.

„Ich bin Landwirt geworden, um draußen auf den Feldern und mit Tieren zu arbeiten, nicht, um am Schreibtisch zu sitzen und Formulare auszufüllen“, ereifert sich Hansen. Er sei jedes Mal froh, wenn es Freitagmittag sei. Denn dann sei er sicher, dass bis Montagmorgen niemand komme, der unangemeldet die Dokumentation prüfen wolle.

Bei allen Widrigkeiten ist Hansen aber der Meinung, dass er den Betrieb halten kann. Doch wird bei anhaltend angespannter Situation der Angestellte gehen müssen, wenn die Tochter wieder nach Hause kommt. Dann soll Zwischenbilanz gezogen und eventuell eine neue Ausrichtung festgelegt werden. Denn Hansen sieht auch über den Tellerrand. Er war auf der Norla und hat dort mit Herstellern geredet. „Da wurden wenig Geschäfte gemacht“, bekam er Auskunft. Denn nirgendwo in der Landwirtschaft sei Geld vorhanden.

Johannes Witt aus Taarstedt ist da schon weiter. Einen Standort, an dem 250 Sauen ferkelten, hat er schon verkauft. Von seinen bisherigen 3000 Mastplätzen betreibt er nur noch 1100 – und das auch nur, bis die Schweine schlachtreif sind. Denn das alles reiche nicht, um ein auskömmliches Familieneinkommen zu erwirtschaften. „Ich werde die Tierhaltung aufgeben“, erklärt er. Er werde sein landwirtschaftliches „Know-how“ an andere Landwirte verkaufen, indem er bei ihnen als Mitarbeiter tätig sein werde.

Insbesondere bei seinen Bewerbungsgesprächen habe er festgestellt, dass die Entwicklung zu Großbetrieben in der Landwirtschaft nicht mehr aufzuhalten sei. Die Produktivität sei dort durch Arbeitsteilung wesentlich höher. Ein Einzelkämpfer wie er sei nicht mehr gefragt. Allein die tägliche Dokumentation verlange mehr, als als der normale Betrieb leisten könne. „Die bäuerliche Landwirtschaft wird aus der Fläche verschwinden“, prophezeit Witt. Betriebe mit großen Flächen – und damit hohem Eigenkapital – würden sich noch eine Zeit lang halten können. Aber der kleine bis mittlere Betrieb sei nur durch außerlandwirtschaftliches Kapital zu erhalten. Für derartige Betriebe gebe es bereits Beispiele.

 





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