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Sally Perel in Schleswig : „Hitlerjunge Salomon“ rührt Schüler zu Tränen

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Er ist der „Hitlerjunge Salomon“: Der 88-jährige Sally Perel erzählte in der Bruno-Lorenzen-Schule seine Lebensgeschichte.

Mehr als 70 Jahre Altersunterschied  und Lebenserfahrung liegen zwischen  Sally Perel, Autor des weltbekannten Buches „Ich war Hitlerjunge Salomon“, und den Schleswiger Zehntklässlern.  Und trotzdem:  Der  Funke  sprang sofort über.  Als  der 88-jährige Perel gestern  in der  vollbesetzten Aula  der Bruno-Lorenzen-Schule mehr als zwei Stunden  mit fester Stimme und ohne Pathos über  sein Überleben als Jude in der Nazi-Diktatur sprach, herrschte  Stille im Raum.     Manche Zuhörerinnen wischten sich verstohlen Tränen aus den  Augen. Aufmerksamkeit und Anteilnahme zugleich zeichnete die Mimik der Jugendlichen aus. Ihnen allen war klar: Vor ihnen saß der wahre „Hitlerjunge Salomon“.

Es  sprach zu ihnen  ein Zeitzeuge, dem die Nazis  die Eltern und die Schwester genommen haben. Ein Zeitzeuge, der nur durch jahrelanges  Versteckspiel  und in ständiger Todesangst als Jude den NS-Terror überleben konnte.

 Nach dem Krieg hat Sally Perel vierzig Jahre gebraucht, um das Trauma seines Lebens in Worte fassen zu können. Um  seine unglaubliche Lebensgeschichte als jüdischer Junge, der  durch ein Missverständniss  mit 16 Jahren in die  Hitlerjugend  geriet und dort  der NS-Propaganda  unterzogen wurde, aufschreiben zu können.

Die Energie des heute 88 Jahre alten Sally Perels, seine Wachheit und vor allem seine Fähigkeit, die richtigen Worte gegenüber den  Schülern zu finden, machte die Veranstaltung  zu einem Ereignis.  Die Begegnung mit ihm dürfte allen, die gestern dabei waren, im Gedächtnis bleiben. Und das ist auch  Perels erklärtes Anliegen: „Ich gehöre  jetzt zu den letzten Zeitzeugen. Aber Ihr, die  Ihr mir jetzt zugehört habt, werdet auch Zeitzeugen dieser  NS-Diktatur sein. So werdet Ihr später auch Euren Kindern und Enkeln erzählen,  was damals geschah  in Deutschland, in Auschwitz.“ 

Seine „Zeitzeugen-Reisen“, für die  Sally Perel   mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden ist, führen ihn immer wieder in Schulen, Jugendeinrichtungen und Volkshochschulen. 

Bruno-Lorenzen-Schulleiter Siegfried Puschmann hatte sich zwei Jahre um seinen Besuch in Schleswig bemüht.  Aus Krankheitsgründen hatte Perel  lange nicht kommen können, bis es gestern klappte. Auch Jugendliche des  Landesförderzentrums Hören und der Domschule   waren der Einladung in die Aula der Bruno-Lorenzen-Schule gefolgt. Ebenso  saßen polnische Austauschschüler unter den Zuhörern. Sie wurden von Perel auf polnisch begrüßt. Sein Buch  sowie die  daraus für den Oscar nominierte Verfilmung war den polnischen  jungen Menschen vertraut. Sie seien sehr berührt gewesen von der Veranstaltung, berichtete im Anschluss Bruno-Lorenzen-Schullehrerin Anne Flüh als Organisatorin  des Austausches.

Den Schleswiger Schülern machte Sally Perel während seines Vortrages  deutlich, dass sie keinerlei  „Schuldgefühle“ entwickeln sollen für das, was Generationen vor ihnen getan hätten.  Seine Botschaft aber lautete: „Die Jugend von heute ist nicht verantwortlich für die Gräueltaten der Nazis. Aber sie würde es werden, wenn es wieder zu ähnlichen  Situationen käme.“

Welche Rolle Religion  und der Glaube an Gott spielen, wenn es um das nackte Überleben unter Feinden geht,  welche Zweifel es geben kann auch am eigenen  Verhalten bei Überlebensanstrengungen in einer Diktatur –  Fragen wie diese behandelte Perel mit großer Offenheit und Selbstkritik.   Die Schüler standen am Ende sichtlich   unter dem Eindruck der Schilderungen. Doch  dann  bildete sich eine lange Schlange bis hinaus auf den Flur: Schüler  und Lehrer wollten ihre Bücher signieren lassen – und vielleicht zum Abschied noch einige kurze Worte mit Sally Perel wechseln.

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erstellt am 25.Sep.2013 | 17:45 Uhr

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