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Aus dem Amtsgericht Schleswig : Hitlergruß zur Fußball-WM? Auf der Anklagebank saß der Falsche

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Freispruch für einen 23-jährigen Schleswiger: Der einzige Zeuge erkannte den Mann nicht wieder, der beim Public Viewing auf den Königswiesen den Hitlergruß gezeigt haben soll.

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erstellt am 03.Mär.2015 | 07:40 Uhr

Schleswig | Richter Morten Alpes rechnete mit einem Routine-Termin, als am Montagnachmittag die letzte Strafverhandlung des Tages begann. Es kam anders. Vor ihm saß ein schmächtiger junger Mann von 23 Jahren, braunes Wuschelhaar, grauer Kapuzenpulli. Nach 45 Minuten wurde er freigesprochen. Anscheinend war es schlicht der Falsche, der da auf der Anklagebank saß. Alpes sagte: „So etwas habe ich noch nicht erlebt, und ich habe auch von meinen Kollegen noch nie gehört, dass sie so etwas erlebt hätten.“

Der Staatsanwalt hatte dem Angeklagten vorgeworfen, beim Public Viewing während der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer „Sieg heil“ gerufen und den Hitlergruß gezeigt zu haben. Die Anklage lautete: „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Kennzeichen.“

Der Angeklagte selbst konnte zur Aufklärung nichts beitragen: „Ich hatte so viel getrunken, dass ich mich an nichts mehr erinnere“, sagte er. „Wenn ich das tatsächlich getan haben sollte, tut es mir leid. Ich bin garantiert kein Nazi. Im Gegenteil. Ich bin früher viel mit Türken, Libanesen und Arabern unterwegs gewesen.“

Vom WM-Vorrundenspiel gegen Ghana (2:2) wusste er nur noch, dass er es sich tatsächlich mit seiner Freundin und ein paar Nachbarn auf den Königswiesen angesehen hatte. Zum näheren Ablauf des Abend sollte ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes beitragen, der auf der Veranstaltung für Ordnung sorgte. Dieser Zeuge, ein bulliger Mann mit tätowiertem und teilweise kahlgeschorenem Schädel, erzählte, wie eine andere Besucherin ihn auf einen Mann aufmerksam gemacht habe, der wiederholt den Hitlergruß zeigte. „Den habe ich mir rausgegriffen und der Polizei übergeben“, sagte der Ordner. Standardnachfrage von Richter Alpes: „War das der Mann, der hier auf der Anklagebank sitzt?“

Der Zeuge zögerte. „Also, der hatte einen Bart“, sagte er. „Und er war einen Kopf größer als ich.“ Beide Männer standen auf – und es zeigte sich, dass sie ungefähr gleich groß waren.

Bei der Polizei hatte der Ordner damals keine Angaben mehr gemacht. Die Beamten hatten ihn zwar vorgeladen, aber er war nicht erschienen. „Ich mache grundsätzlich keine Aussagen bei der Polizei, damit habe ich schlechte Erfahrungen gemacht“, erklärte er vor Gericht. Der Angeklagte hatte auch am fraglichen Abend die Tat nicht gestanden. Laut Vernehmungsprotokoll der Polizei sagte er damals, allerhöchstens habe er bei einer deutschen Torchance einmal „Schuss, Sieg!“ gerufen.

Nach dem Freispruch sagte Alpes: „Hier sehen wir einmal mehr, wie wichtig es ist, in der Hauptverhandlung noch einmal alle Beweise zu überprüfen.“ Ob es bei der Polizei zur Verwechslung kam, oder ob der Zeuge „sich in seinen Erinnerungen nicht belastbar verhält“, das sei nicht mehr zu klären.

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