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Hirnschaden – ist der Angeklagte schuldunfähig?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

shz.de von
erstellt am 04.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Kann der Angeklagte im Lürschauer Totschlagsprozess auf ein mildes Urteil hoffen? Bevor morgen ab 9.15 Uhr im Flensburger Landgericht Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers halten, stellte gestern Dr. Klaus Friemert das psychologische Gutachten des 57-jährigen Angeklagten vor. Friemert kam zu dem Schluss, dass eine eingeschränkte Schuldfähigkeit wegen der Folgen einer jahrelangen Alkoholsucht nicht ausgeschlossen sei. „Ich sage nicht, dass eine verminderte Schuldfähigkeit vorliegt, sondern nur, dass diese nicht auszuschließen ist“, betonte der Gutachter.

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, eine 37-jährige Sachbearbeiterin des Kreises Schleswig-Flensburg im April in Lürschau erstochen zu haben, weil er die Frau für den Verlust seines Führerscheins verantwortlich machte. Bei einer Verurteilung wegen Totschlags erwartet den Mann eine Haftstrafe zwischen fünf und 15 Jahren.

Als Grund für mögliche verminderte Schuldfähigkeit nannte der Gutachter eine durch ständigen Alkoholmissbrauch hervorgerufene Hirnschrumpfung beim Angeklagten. Die Symptome seien im Stirnbereich festgestellt worden – die Folge könnten Einschränkung des Urteilsvermögens sowie bei der Unterscheidung von Gut und Böse sein. Der Defekt könnte nach Ansicht des Gutachters auch das logische Denkvermögen des Angeklagten beeinträchtigen. So ließe sich unter anderem auch erklären, warum der 57-Jährige „mit Pauken und Trompeten“ durch die medizinisch-pychologische Untersuchung gefallen sei. „Er hat teilweise nicht einmal die Wissensfragen verstanden“, sagte der Gutachter.

Dr. Klaus Friemert zeichnete nach zahlreichen Gesprächen mit dem Angeklagten das Bild eines Menschen, der verschlossen bis hin zu autistischen Zügen gewesen sei, es nie gelernt habe, mit Konflikten umzugehen und die Schuld immer bei anderen suchte. Friemert versuchte, dem Gericht die Denkweise des Angeklagten deutlich zu machen. Die sei überwiegend von Gefühlen gesteuert und überlagert worden. Wenn sich Gedanken an die Trennung, Arbeitslosigkeit, Führerscheinentzug einschlichen, rücke die Ratio in den Hintergrund. „Dann wird das Denken fast autistisch“, sagte der Gutachter.

So könne es auch zu dem Vorhaben gekommen sein, das Opfer zu töten. Friemert geht davon aus, dass der Angeklagte angesichts seiner aussichtslosen Lage den Beschluss gefasst habe, seinem Leben ein Ende zu setzen – und die Person mitzunehmen, die er für sein ganzes Elend verantwortlich machte. Suizidmitnahme heißt das in Fachjargon. Dass der bis dahin nicht durch Gewalt aufgefallen Mann zu solch einer brutalen Tat fähig ist, hält der Gutachter durchaus für denkbar: „Er hat das Opfer für seine Situation verantwortlich gemacht – für den Führerscheinentzug wegen Alkohols, für die Anzeige wegen Fahrens ohne Führerschein und letztlich auch für den Verlust des Arbeitsplatzes – da hat sich über Jahre vieles angestaut, was letztlich in der Tat zum Ausbruch kam. Da spielt auch Rache eine Rolle.“

Für den Gutachter ist es kein Widerspruch, dass einem irrationalen Plan möglicherweise sehr wohl eine wohl kalkulierte Ausführung gefolgt sein könnte: „Die Tat könnte so abgelaufen, wie es dem Angeklagten vorgeworfen wird.“

Der Prozess wird morgen ab 9.15 Uhr in Flensburger Landgericht mit den Plädoyers fortgesetzt.

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