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Sozialraum-Analyse mit alarmierenden Zahlen : Hilfe für die Kinder in St. Jürgen

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

In dem von Armut besonders betroffenen Stadtteil wird am Freitag ein Familienzentrum eröffnet.

Kinderarmut ist nicht nur woanders: In Schleswig leben durchschnittlich 43 Prozent aller Kinder in Haushalten, die auf staatliche Unterstützung wie Hartz IV angewiesen sind – also fast jedes zweite Kind! In absoluten Zahlen heißt das: Von 2410 Kindern (bis 14 Jahre) leben 1026 in relativer Armut. Zum Vergleich: Bundesweit ist jedes siebte Kind betroffen, in Hamburg etwa jedes fünfte. Somit gibt die Schleistadt ein besonders trauriges Bild ab.

Der weitaus höchste Anteil der Schleswiger Kinder aus unterstützungs-bedürftigen Haushalten findet sich im Stadtteil St. Jürgen – mit 62 Prozent (gefolgt vom Friedrichsberg mit 56 Prozent). Sogar 90 Prozent aller Eltern und Alleinerziehenden in St. Jürgen benötigen staatliche Beihilfe für den Kita-Besuch ihrer Kinder, im Friedrichsberg sind es 55 Prozent. In den anderen Stadtteilen, etwa in der Altstadt, sind lediglich 20 Prozent auf Kita-Beihilfe angewiesen. All diese Zahlen stammen aus der aktuellen Sozialraum-Analyse des Kreises Schleswig-Flensburg, nach der eine hohe Kinderarmut in St. Jürgen anhand von Basisdaten zur Erwerbs- und Einkommenssituation der Haushalte nachweisbar ist.

Hohe Kinderarmut in St. Jürgen und ihre Folgen: Hier soll gegengesteuert werden mit Hilfe des neuen Familienzentrums in der Trägerschaft der Awo. Es öffnet an diesem Freitag um 11 Uhr seine Türen. Wo? Im ersten Stock des Hauses Am Brautsee 8, also mittendrin im Stadtteil St. Jürgen. „Wir sind froh, dass unser Familienzentrum zentral liegt – gleich neben Kita und Gemeinderaum“, betonen Awo-Geschäftsführerin Maren Korban und Karsten Reimer als neuer Vorsitzender des Awo-Ortsverbandes Schleswig. Die Räume des Familienzentrums sind ansprechend hergerichtet. Maren Korban, ihre Familie sowie weitere Helfer und Freunde der Arbeiterwohlfahrt haben selbst mit angepackt. Und: „Schwellen gibt es bei uns nicht, wir freuen uns über jeden, der kommt.“

Von der Awo eingestellt als Koordinatorin der neuen Einrichtung ist Sarah Schwarz (33). Ihre Aufgabe ist es, das Familienzentrum zur Anlaufstelle möglichst vieler St. Jürgener zu machen und dabei ein umfangreiches Netzwerk aufzubauen. Hilfesuchende, die mit ihrer Lebenssituation und ihrer Erziehungsaufgabe überfordert sind, seien ebenso willkommen wie Helfende. Denn das sei das Ziel, erklärt Schwarz: „Wir möchten frühzeitig – noch bevor die Probleme größer werden – beraten, helfen und vermitteln, also wie ein Kompass bei der Orientierung von Hilfsangeboten vorgehen zum Wohle der Kinder.“

Man will so die gegenseitige Hilfe der Stadtteil-Bewohner fördern, wie es im Friedrichsberg bereits seit einem Jahr durch das Familienzentrum in der Trägerschaft der Schutzengel GmbH dort geschieht. Mit im Boot bei beiden Schleswiger Familienzentren sind die Awo, das Diakonische Werk, die Familienbildungsstätte, die Schutzengel GmbH und die Stadt Schleswig, wie Heike Schäfer vom Sachgebiet Schulen und Kitas im Rathaus erläutert.

Die Grundlage dafür, dass die beiden Schleswiger Familienzentren überhaupt ihre Aufbauarbeit in den Stadtteilen leisten können, hat die SPD-Fraktion mit geschaffen, als sie im vergangenen November ihren Antrag in den Finanzausschuss einbrachte, nach dem 25  000 Euro für beide Einrichtungen von der Stadt zur Verfügung gestellt werden (ursprünglich waren nur 2000 Euro für die Schutzengel GmbH und 1500 Euro für St. Jürgen vorgesehen).

Wenn Eltern und Alleinerziehende zu wenig Geld für ihre Kinder haben, wenn durch chronische Finanzknappheit viele Chancen für Bildung und Entwicklung der Kinder eingedämmt werden, dann entsteht ein Teufelskreis, der sich im Erwachsenenalter oftmals fortsetzt. Womöglich auch noch in die nächste Generation.

Daher belegen weitere Zahlen aus der Sozialraumanalyse des Kreises, dass frühzeitiger Handlungsbedarf vorhanden ist: So hatten bei Schuleingangs-Untersuchungen 24 Prozent der St. Jürgener Kinder Koordinationsstörungen, 48 Prozent wiesen gar eine Sprachstörung auf. Beunruhigende Untersuchungsergebnisse gab es auch im Bereich Friedrichsberg/Schleswig Süd: Hier wurden bei 21 Prozent der Kinder Verhaltensauffälligkeiten festgestellt und bei 55 Prozent Sprachstörungen.

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erstellt am 01.Jun.2016 | 12:51 Uhr

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