zur Navigation springen

Schleswig : „Hier kann man nur noch überleben“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Bewohner der Notunterkünfte hoffen, dass endlich Dusch-Container aufgestellt werden.

Schleswig | Die Nachricht aus dem Sozialausschuss löste in Schleswigs Notunterkünften am Ansgarweg ein Gefühl von Dankbarkeit und Freude aus. Die Stadt möge prüfen, ob dort Dusch-Container und vielleicht auch Waschmaschinen aufgestellt werden könnten – diese Bitte hatte Ausschussvorsitzende Marion Callsen-Mumm (SPD) in der Sitzung am 30. März ans Rathaus adressiert. „Da das Land etliche Dusch-Container abzugeben hat, dafür aber schon viele Bewerbungen vorliegen, sollte ein zeitnaher Prüfvorgang erfolgen“, befand sie. Und obwohl sich seither die Stadt immer noch im Prüf-Stadium befindet, haben sich schon jetzt fünf Bewohner des Obdachlosenheims namentlich in einem offenen Brief für das „positive Signal“ aus Politik und Verwaltung bedankt.

In dem Schreiben drücken sie ihre Hoffnung auf bessere Zeiten aus: „Jeder von uns hier hat seine Probleme – doch ohne die Möglichkeit zu duschen und Wäsche zu waschen, ist es noch schwieriger, wieder im normalen Leben Fuß zu fassen.“ Schließlich möchte man einen „sauberen und ordentlichen Eindruck bei Vermietern oder neuen Arbeitgebern, aber auch bei Begegnungen mit anderen hinterlassen“, heißt es weiter.

Allein das Bemühen, die Lage in den Notunterkünften ohne Dusche, ohne Warm-Wasser und ohne Heizung ein klein wenig zu verbessern, habe ihnen „Mut und Zuversicht“ gegeben. Denn lediglich selbst zu beheizende kleine Öfen und Gemeinschaftstoiletten sind vorhanden. Ein Dusch-Container – „das wäre für uns eine sehr große Hilfe“, schreiben daher die Bewohner. Und man wolle selbst dafür sorgen, dass alles intakt und sauber bleibe.

Karola Bergk vom Diakonischen Werk Schleswig und zuständig für den Bereich Wohnungslosenhilfe, besucht regelmäßig die Bewohner der Notunterkünfte im Ansgarweg. „Ich war erstaunt“, sagt sie, „wie spontan einige von ihnen auf den Vorstoß des Sozialausschusses reagiert haben und sich sogar öffentlich dazu äußern“. Die Diplom-Sozialpädagogin schildert gegenüber den SN die Situation in den 22 städtischen Schlichtwohnungen als „desolat“. So habe ein Bewohner ihr gesagt: „Hier kann man nicht leben – nur überleben!“

Bergk erinnert etwa an die kalten Tage im Winter. „Da waren manche verzweifelt, wenn sie in ihrem acht Grad kalten Zimmer versuchten, sich mit einer heißen Wärmflasche zu behelfen“, meint sie. Denn um zu heizen, müssten sie sich das Brennmaterial für die kleinen Öfen von weiter herholen, was zu Fuß nicht ganz einfach sei – „ein Kraftakt besonders für Ältere und Kranke“.

Doch dass die Möglichkeit fehlt, sich zu duschen und die Kleidung waschen zu können, erschwere den Alltag am allermeisten. Bergk: „Deshalb hat ja die Initiative für den Duschcontainer so viel Resonanz ausgelöst – die Bewohner im Ansgarweg sehen das als Unterstützung an und fühlen sich wieder wahrgenommen.“

Die Gründe, warum ein Mensch obdachlos wird und in einer Notunterkunft wie am Ansgarweg landet, sind vielfältig. Sie reichen von Zwangsräumung, Überschuldung oder gar Haftentlassung über persönliche Schicksalsschläge wie Trennungen oder Tod bis hin zu psychischen Erkrankungen sowie Drogen- und Alkoholproblemen. Was auch immer den Betroffenen aus der Bahn geworfen haben mag, und wie viel Schuld er selbst an seinem Schicksal trägt – er muss dennoch unter menschenwürdigen Verhältnissen leben dürfen.

Auch Karola Bergk weist in diesem Zusammenhang auf die Gesetzeslage hin, nämlich dass die Obdachlosen-Unterkünfte nur als „vorübergehende Notversorgung“ gedacht seien. Also kein Mitleid mit Obdachlosen, die frieren und unter unhygienischen Bedingungen leben? Bürgermeister Arthur Christiansen hatte Ende vergangenen Jahres, als Schleswigs Notunterkünfte am Ansgarweg voll belegt waren, die karge Ausstattung damit begründet, dass die Stadt alle gesetzlichen Vorgaben erfülle und Betroffene staatliche Hilfsangebote in Anspruch nehmen könnten. 18  000 Euro im Jahr gebe die Stadt für die laufende Unterhaltung am Ansgarweg aus. Jedoch: Angesichts einer steigenden Zahl von Zwangsräumungen und eines gleichzeitig knapper gewordenen Wohnungsangebotes kommt es zu Engpässen, die manche in die Obdachlosen-Unterkünfte treiben.

So stellt die Notunterkunft für jene Betroffene, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen können, doch nicht nur eine Zwischenstation dar, wie der Gesetzgeber es vorsieht. Karola Bergk hat das vor Augen und berichtet: „Leider ist die Realität oft ganz anders. Auch im Ansgarweg wohnen manche über eine sehr viel längere Zeit.“

Einer von ihnen schon seit 30 Jahren.

zur Startseite

von
erstellt am 23.Apr.2017 | 18:38 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen