Rastplatz Lottorf : Hier hält niemand zum Spaß

Selbstverpfleger: Reinfriede und Dieter Stammberger aus Thüringen sind auf dem Weg nach Klixbüll. Raststätten sind ihnen viel zu teuer, deshalb haben sie belegte Brote im Gepäck. Fotos: org
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Selbstverpfleger: Reinfriede und Dieter Stammberger aus Thüringen sind auf dem Weg nach Klixbüll. Raststätten sind ihnen viel zu teuer, deshalb haben sie belegte Brote im Gepäck. Fotos: org

Ein Mikrokosmos an der Autobahn: Rauchen, auf die Toilette gehen oder einfach nur kurz ausruhen.

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04. August 2018, 12:00 Uhr

Die Kollegen haben gewarnt. Ein Rastplatz an der Autobahn – das ist doch langweilig. Falsch: An der Autobahn 7 in Richtung Norden liegt der Rastplatz Lottorf. Auf den ersten Blick wirkt er sauber, aber auch öde. Vor knapp zwei Jahren für 1,7 Millionen Euro aufgehübscht, jeweils 24 Stellplätze für Pkw und Lkw, ein Standstreifen für Schwertransport, robuste Sitze und Tische aus Stahlgeflecht auf einer Betonplatte, aufgereihte Müllcontainer, eine selbstreinigende Toilettenanlage mit Stahltüren, Besucher haben hier die Wahl zwischen Pissoir und WC. Dazu noch einige junge Bäume, das war’s auch schon.

Ein Auto fährt vor, Kennzeichen aus Düsseldorf, Fahrräder huckepack, voll besetzt. Der Fahrer steuert zielstrebig auf die Plätze vor den Klos zu, macht einen kleinen Schlenker, als er bemerkt, dass es sich um Behindertenplätze handelt. Dann raus aus dem Auto. In Trippelschritten und in leicht gebeugter Haltung auf die Stahltüren zu, die an einen modernen Gefängnisfilm erinnern – und weg ist er.

An dem Rastplatz müssen alle vorbei, die Richtung Norden wollen. Urlauber auf dem Weg nach Dänemark, Handwerker auf der Fahrt zur Arbeit, Riesentrucks, kleine Transporter, Pendler und Familien. Hier hält niemand zum Spaß. Der Rastplatz ist ein Ort, an dem die Bedürfnisse und Zwänge der Menschen im Zeitraffer und auf engstem Raum deutlich werden. Der Gang auf die Toilette, der nicht mehr hinausgeschoben werden kann. Eine Wohnmobilistin aus Norwegen, die nach offenbar anstrengender Fahrt erst einmal die Arme ausbreitet, um einen kühlen Luftzug zu erwischen, die Hände in die Hüften stemmt, sich dehnt und streckt. Der Lkw-Fahrer, der seine vorgeschriebene Pause macht. Und Menschen, die ihr Handy checken, essen, trinken oder einfach nur ausruhen. Einige bleiben nur wenige Minuten, andere länger. Beleg ist ein ausgekühlter Einweggrill auf dem braunen Rasen, daneben eine schmutzige Decke. Hier hat wohl ein Picknick stattgefunden.

Reinfriede (69) und Dieter Stammberger (82) aus Sonneberg in Thüringen sind schon um Mitternacht losgefahren. Sie wollen bei ihrem Sohn Urlaub machen. „Der ist vor zehn Jahren nach Klixbüll ausgewandert“, erklärt Reinfriede Stammberger. Noch 70 Kilometer liegen nun vor ihnen, Zeit für einen Fahrerwechsel und eine Stärkung. Sie essen ihre belegten Brote mit Ei, Leberwurst und Käse im Stehen. Dieter Stammberger hat sogar einen Pfefferstreuer dabei. Zwischen den Bissen bestäubt er sein Brot sorgfältig. Eine Raststätte kommt für das Ehepaar aus Thüringen nicht in Frage. Viel zu teuer und zu schmutzig, „Unglaublich, was man da für ein Wasser bezahlen muss“, murrt Dieter Stammberger, „und die Toilette kostet einen Euro. Einen Euro – und dazu noch versifft.“ Da freuen sich die beiden Urlauber doch, dass sie in Lottorf gelandet sind. Sie essen ihre Brote auf, werfen das Papier brav in einen Container und setzen ihre Reise nach Klixbüll fort.

Einen Dresscode gibt es für den Rastplatz Lottorf nicht. Hier hält der Geschäftsmann in dunklem Anzug und mit Krawatte, der Handwerker im Blaumann, die junge Frau im frischen Sommerkleid und auch der Urlauber, der in Vorfreude auf den Campingplatz schon mit freiem Oberkörper unterwegs ist. Ein Mikrokosmos an der Autobahn.

Ein kleiner Fiat fährt vor, der Fahrer steigt aus, die Beifahrerin bleibt sitzen. Der Mann will nicht rauchen, sich nicht strecken und auch nicht auf Toilette. Er holt eine Plastiktüte und einen Stab aus dem Wagen geht auf den ersten Container zu, schaut lange durch den kleinen Einwurf und beginnt mit der Arbeit. Der Stab ist ein Greifer, mit dem er Dosen und Pfandflaschen aus dem Müll angelt, den die Reisenden hineingeworfen haben. Hat er eine Dose gefunden, schüttelt er die letzte Flüssigkeit heraus und steckt sie in seine Tüte. Erst als die letzte Flasche aus dem letzten Container geborgen ist, fährt das Paar weiter.

Hier hält wirklich niemand zum Spaß.

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