Herrin über 130 000 Kartons mit Äxten, Vasen, Münzen

Schätze aus ganz Schleswig-Holstein - von der Steinzeit bis zum Mittelalter - lagern bei Dr. Ingrid Ulbricht im Fundarchiv. Foto: chw
Schätze aus ganz Schleswig-Holstein - von der Steinzeit bis zum Mittelalter - lagern bei Dr. Ingrid Ulbricht im Fundarchiv. Foto: chw

Ingrid Ulbricht leitet das Fundarchiv des Archäologischen Landesmuseums vor den Toren Haithabus

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29. Oktober 2011, 07:17 Uhr

Schleswig/Busdorf | Das Archäologische Landesmuseum feiert an diesem Wochenende sein 175-jähriges Bestehen. Wie im Jahr 1836 mit dem "Museum vaterländischer Alterthümer" alles begann, das verrät Dr. Ingrid Ulbricht. Die Archäologin leitet das Fundarchiv des Landesmuseums. Sie wacht über zehn Millionen dokumentierte Fund- und Sammlungsstücke - darunter steinerne Äxte, Keramikvasen und wikingerzeitliche Amulette.

Die Funde lagern in 130 000 Pappkartons in zwei Etagen in einem Neubau an der B 76 in Busdorf. Jedes Stück ist dokumentiert. Was heute am Computerbildschirm geschieht, das erledigten die Museumsgründer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Federhalter auf Pergamentpapier. Die vier Seiten, auf denen die 300 ersten Fundstücke verzeichnet sind - Beile, Urnen und Waffen - werden inzwischen selbst gehütet wie ein archäologischer Schatz.

Für das Fundarchiv, das erst vor einem Jahr aus einem Nebengebäude von Schloss Gottorf nach Busdorf gezogen ist, interessieren sich nicht nur die einheimischen Wissenschaftler. Ingrid Ulbricht bearbeitet sehr oft auch Anfragen von anderen Museen aus dem In- und Ausland, die um Leihgaben bitten. Die Archäologin sorgt dafür, dass jedes verliehene versicherte Stück auch wieder unversehrt zurückkehrt. Hierbei hat sie ein Augenmerk auf die richtige Verpackung eines sicheren Transportweges sowie einer schonenden Raumtemperatur mit Beleuchtung am Ausstellungsort. Alle Schätze werden fein und akribisch ordnungsgemäß fotografiert und dokumentiert und zumeist von einem Restaurator begleitet.

So ist für das kommende Jahr eine Ausstellung "1000 Jahre Russen und Deutsche" in Berlin und Moskau geplant. Die Idee entstand nach einem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Russlands Präsident Dimitri Medwedew. Passende Ausstellungsstücke fanden die Macher des Projektes bei Ingrid Ulbricht. Erst vor kurzem gingen zahlreiche Funde aus Haithabu auf die Reise zu einer großen Wikinger-Ausstellung ins österreichische Leoben.

Für Ingrid Ulbricht ist die Arbeit im Fundarchiv eine Leidenschaft. Beim Betrachten der archäologischen Funde funkeln ihre Augen noch heute so wie damals, als sie als Zwölfjährige im Geschichtsunterricht vom "etruskischen Spiegel" hörte. Schon damals war für sie klar: "Ich möchte Archäologin werden." Sie setzte sich über den Wunsch der Eltern, ein Medizinstudium zu absolvieren und die mütterliche Praxis zu übernehmen, hinweg und ging ihren eigenen Weg. "Ich konnte sowieso kein Blut sehen. Das war vielleicht auch mein Glück", schmunzelt Ulbricht. Ihr jüngerer Bruder folgte dem Wunsch, übernahm die elterliche Praxis und somit waren die Eltern beruhigt und Ingrid Ulbricht in ihrem Element. Bereits als Kind hatte sie die Gabe, "verantwortungsbewusst und strukturiert" in sich zu ruhen und darin die Übersicht zu behalten. Im Schulorchester war sie stets und gerne für das Sortieren und Verwalten der Notenblätter sowie das Führen des Klassenbuches zuständig. Nach ihrem Studium galt ihr Interesse der Steinzeit, der Mittelalter- und Wikingerforschung, und sie schrieb ihre Dissertation über "die Kammherstellung in Haithabu". Später begleitete und verwaltete sie die Ausgrabungen in der Schleswiger Altstadt zusammen mit Studentengruppen. Auch heute ist als Magazinleiterin die Ansprechpartnerin der Studenten, die im Museum für ihre Ausbildung oder Dissertation forschen und auf ein gut funktionierendes Archiv angewiesen sind. Ingrid Ulbricht liebt ihre abwechslungsreiche Arbeit sowie die Zusammenarbeit mit vielen Menschen. "Für mich ist das der schönste Beruf", sagt sie abschließend und eilt wieder zu ihrem Schreibtisch, um die nächste Anfrage eines Museums vom anderen Ende der Welt nach wikingerzeitlichen Funden zu beantworten, die in irgendeinem ihrer 130 000 Kartons lagern .

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