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Erinnerungen an alte Zeiten : Helmut Schmidt, Marie-Luise Knitter und das kleine Dorf Brekling

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Es gibt eine besondere Verbindung zwischen dem Dorf Brekling und Helmut Schmidt. Dabei spielte Egon Bahr eine Schlüsselrolle.

von
erstellt am 20.Nov.2015 | 19:24 Uhr

Brekling | Wenn am Montag der Staatsakt für dem verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt im Hamburger Michel stattfindet, wird Marie-Luise Knitter in Brekling vor dem Fernseher sitzen und mittrauern. Die 80-Jährige und ihren 2002 verstorbenen Mann Wolfgang Knitter verband eine besondere Beziehung mit dem Staatsmann. „Man kann es nicht als Freundschaft bezeichnen“, sagt Marie-Luise Knitter, aber das Verhältnis sei schon recht weit über eine übliche Verbindung zwischen Kanzler und Lokalpolitiker hinausgegangen.

Eine Schlüsselrolle beim ersten Treffen der beiden Männer spielte Egon Bahr, der unter den Kanzlern Brandt und Schmidt als Minister diente und seinen Wahlkreis im Kreis Schleswig-Flensburg hatte. Das Haus der Knitters, knapp zehn Kilometer nördlich von Schleswig diente ihm als Stützpunkt, wenn er im Wahlkreis unterwegs war. Grund dafür war das Engagement von Wolfgang Knitter, der 20 Jahre für die SPD im Kreistag saß und von 1990 bis 2001 als Bürgermeister in Nübel agierte. „Egon Bahr ging damals bei uns ein und aus“, erinnert sich Marie-Luise Knitter.

Auf einem Landesparteitag stellte Bahr Knitter dem Kanzler vor. „Woher kommst Du? Aus Brekling? Das kenne ich“, sagte Helmut Schmidt, „da wurde ich aus der Wehrmacht entlassen.“ Dieses Detail aus der Biografie von Helmut Schmidt ist sonst nirgends vermerkt, aber durchaus nachvollziehbar.

Auf diesem Hof in Brekling am Langsee wurde Helmut Schmidt 1946 offiziell aus der Wehrmacht entlassen. Das Foto wurde 1952 aufgenommen.
Auf diesem Hof in Brekling am Langsee wurde Helmut Schmidt 1946 offiziell aus der Wehrmacht entlassen. Das Foto wurde 1952 aufgenommen. Foto: Marie Luise Knitter
 

In Brekling, auf dem elterlichen Hof von Marie-Luise Knitter, die damals noch Nissen hieß, hatten die Engländer nach dem Krieg eine große Entlassungs-Station für deutsche Soldaten eingerichtet. „Es kamen täglich sehr viele Leute“, erinnert sich die ehemalige Berufsschullehrerin. Sie weiß noch, dass die Namen erfasst und Papiere kontrolliert wurden und es einen Entlausungs-Raum gab. Die Soldaten wurden aber auch auf Tätowierungen untersucht. Wer seine Blutgruppe auf dem Arm trug, ein sicheres Zeichen mit die Mitgliedschaft in der SS, wurde zunächst in ein provisorisches Gefängnis gesperrt und noch am selben Tag nach Schleswig abtransportiert. Soldaten, die als unverdächtig eingeschätzt wurden, konnten gehen – mit den entsprechenden Entlassungspapieren aus der Wehrmacht.

An Helmut Schmidt kann sich Marie-Luise Knitter aus dieser Zeit natürlich nicht erinnern. Sie war gerade einmal zehn Jahre alt und der junge Leutnant Schmidt einer von vielen, die sich der Prozedur auf dem elterlichen Hof unterzogen. Wolfgang Knitter begegnete Helmut Schmidt häufiger – auch nach dessen Kanzlerschaft. „Bei einer Gelegenheit erwähnten Helmut und Loki, dass sie die Weltausstellung 1988 ins Brisbane in Australien besuchen wollten“, erzählt Marie-Luise Knitter. Das Ehepaar aus Brekling empfahl, doch einfach mal Kontakt zu ihrem Neffen Klaus Behnfeld aufzunehmen, der als junger Mann nach Brisbane ausgewandert war und Karriere gemacht hatte. Helmut und Loki Schmidt wohnten tatsächlich während ihres Australien-Aufenthalts auf dem Schiff mit dem Namen „Silver Gull“ (deutsch: Silberkopfmöwe) des ehemaligen Breklingers.

Einige Zeit später lieferte der Postbote bei den Knitters ein großes Paket aus Hamburg ab. Darin waren zwei Dankesbriefe von Helmut Schmidt und, mit der Bitte um Weiterleitung nach Australien, eine große, ausgestopfte Silbermöwe, die Nordsee-Version der australischen Silver Gull.

Marie-Luise Knitter hat mit Helmut Schmidt nie über Privates gesprochen. „Ich habe ihn bewundert und hatte Ehrfurcht. Was hätte ich mit ihm reden sollen?“, fragt sie. Aber über ihre Reaktion auf die Nachricht vom Tode Helmut Schmidts spricht sie freimütig: „Ich habe geweint.“

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