Arbeitsjubiläum : Hebamme mit Heimvorteil

Als Karin Lorenzen Hebamme wurde, glichen Keißsäle noch Operationsräumen – ganz im Gegensatz zu heute.
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Als Karin Lorenzen Hebamme wurde, glichen Keißsäle noch Operationsräumen – ganz im Gegensatz zu heute.

Karin Lorenzen arbeitet seit 30 Jahren im Schleswiger Krankenhaus.

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05. November 2013, 19:00 Uhr

Eigentlich wollte Karin Lorenzen Lehrerin werden. Zwei Hebammen gab es schon in ihrer Familie, aber der Überschuss an Lehrkräften vor 30 Jahren bewegte sie dann doch, den sicheren Weg in die Geburtshilfe zu gehen. „Kinder werden schließlich immer geboren“, sagte sie sich.

Als Schwangerschaftsvertretung fing sie 1983 im damaligen Kreiskrankenhaus an. Dass sie dort immer noch arbeitet, sei Zufall, sagt sie heute. Einmal hatte Lorenzen nicht nur eine neue Stelle, sondern auch schon eine neue Wohnung in München – zum Umzug kam es dann aber doch nicht. So spielt die Schleswigerin, die mittlerweile Leitende Hebamme bei Helios ist, auch heute noch ihren Heimvorteil aus: Sie kennt ihre „Stammkundschaft“, also Mütter, die mehrere Kinder bei ihr im Kreißsaal gebären, trifft dort nicht selten auf Freunde oder Bekannte und entdeckt beim Einkaufen in manchen Kinderwagen Babys, denen sie auf die Welt geholfen hat. „Schleswig ist ein Dorf“, kommentiert sie lächelnd. Deshalb ist es auch schon vorgekommen, dass sie die Neugeborenen von damals als werdende Eltern im Krankenhaus begleitete. Sie ist gespannt, wann die dritte Generation bei ihr das Licht der Welt erblickt.

Dass es bei ihr aber nicht immer rosarot und himmelblau ablaufe, wie manche es sich vorstellen, macht Lorenzen auch deutlich: „Ein Kind zu bekommen, ist ein Haufen Arbeit, das muss erkämpft werden, von Mutter, Vater und dem Kind.“ Den Moment, in dem das geschafft sei, beschreibt die Hebamme als „Wahnsinnsbefreiung“.

Aber nicht nur die Geburt an sich macht für sie den Reiz ihres Jobs aus. Sie findet es auch spannend, sämtliche Facetten des menschlichen Charakters miterleben zu können. Wenn die Frauen sich selbst in einem solchen Ausnahmezustand erleben, dann möchte Lorenzen für sie der Fels in der Brandung sein, sie beruhigen, motivieren und ihnen die Ängste nehmen.

Dass diesen Job nur eine verschwindend geringe Anzahl an Männern wahrnimmt, findet sie gut. Für das Team seien männliche Entbindungshelfer sicherlich eine Bereicherung, sagt sie. Aber sie findet es wichtig, dass während der Geburt eine Frau der werdenden Mutter zur Seite steht.

Im Schleswiger Klinikum sind dafür 15 Hebammen zuständig, sie helfen im Jahr rund 500 Kindern auf die Welt. In 30 Berufsjahren hat sich bei Lorenzen eine noch stattlichere Summe ergeben. Anfangs führte sie ein Geburtenbuch, in dem sie alle Kinder auflistete, mittlerweile hat sie ihre persönliche „Geburtenrate“ nicht mehr im Kopf. „Nach 3500 Babys habe ich aufgehört zu zählen. Das ist mittlerweile aber auch schon einige Jahre her.“

Nach mehreren Tausend Geburten liegt der Verdacht nahe, es sei eine vorhersehbare Routine in den Berufsalltag eingekehrt. Das bestreitet Lorenzen jedoch vehement: „Die Geburtshilfe ist eine einzige Überraschung, man weiß nie, was einen erwartet.“ Und nicht nur von Fall zu Fall, sondern auch im Laufe der Jahre habe sich einiges enorm verändert: Die Atmosphäre und Einrichtung der Kreißsäle sei nicht mehr so kalt, unterschiedliche Gebährpositionen völlig üblich, und besonders der Umgang mit den Müttern sei ein anderer. „Früher waren sie sehr passiv“, erklärt die Hebamme. Heute seien sie aktiver, hätten mehr Wissen, Wünsche und Ansprüche, die damals nicht beachtet worden seien. Auch die Rolle des werdenden Vaters habe sich gewandelt. „Heute ist nicht mehr die Frau schwanger, heute sagen die Eltern: Wir sind schwanger.“ Das Klischee, das Männer häufig während der Geburt ohnmächtig werden, hält Lorenzen dabei für ein reines Ammenmärchen: Sie hat bisher nur zwei solcher Fälle erlebt.

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