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Adventskalender : Halleluja in allen Ecken des Schleswiger Doms

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Vor allem in diesem Monat komme die Orgel zum Klingen: Der Schleswiger Domkantor Rainer Selle freut sich besonders auf die Advents- und Weihnachtszeit.

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erstellt am 07.Dez.2013 | 00:15 Uhr

Schleswig | Rainer Selle liebt seine Arbeitsstätte. „Der Schleswiger Dom ist einer der schönsten Deutschlands“, sagt der Domorganist. Doch richtig glücklich mit seiner Orgel ist er erst seit 2010. Vor 16 Jahren wechselte der Württemberger mit seiner Frau und sieben Kindern in die Schleistadt. Doch die Orgel tat’s nicht so richtig. „Das Instrument ist wunderbar, aber sein Klang konnte den ganzen Dom einfach nicht ausfüllen“, sagt Selle.

Dann kam 2010 die ersehnte Restaurierung und Erweiterung, und nun freut sich Selle auf das große weihnachtliche Singen am 3. Adventssonntag (17 Uhr) zum Abschluss des traditionellen „Schwahlmarktes“. Der Domchor, die Domkantorei und die Jugendkantorei werden dann im Schleswiger Dom singen und der Posaunenchor spielen. Die Leitung hat Rainer Selles Frau Christina. Selle selbst wird auf der Empore in die Tasten greifen. Seine Augen leuchten, wenn er von seinem Part erzählt: „Das Halleluja von Händel. Und endlich erreicht der volle Orgelklang die letzte Ecke.“

Der Dom-Organist ist rundum zufrieden. „Traumhafte Bedingungen“ habe er jetzt. Vor allem in der Advents- und Weihnachtszeit komme die Orgel zum Klingen. Zudem ließe sich herrlich improvisieren. Das wiederum überrascht nicht, nachdem der Kirchenmusiker erzählt hat, wie er zum Orgelspielen kam. Im Schwabenland aufgewachsen, stand zu Hause ein Flügel. Darauf spielte sein Vater, ein Architekt, oft und gerne Choräle. „Kannst Du auch“, sagte sich der 15-Jährige und begann mit dem Selbststudium. „Nur so“, denn eigentlich wollte auch er Architekt werden. Doch als er heimlich die Orgel in der Kirche seiner Heimatstadt „erobert“ hatte, war es mit dem naturwissenschaftlichen Interesse vorbei. Häufig schwänzte Selle die Schule und schlich sich stattdessen in verschiedene Gotteshäuser. Das „größte von einem Menschen zu spielende Instrument“ ließ ihn nicht mehr los.

Das Studium an der Kirchenmusikschule in Esslingen war vorprogrammiert. Jahre später unterrichtete er neben seiner Kantorenstelle in Heidelberg selbst das Fach Orgelimprovisation an der Hochschule für Kirchenmusik. Doch Selles Kinder litten zunehmend unter der drückenden Luft in der Neckarstadt. Also wurde für die neunköpfige Großfamilie eine jener raren Stellen gesucht, die mit dem Einzug in ein Organistenhaus verbunden war, das die Kirchengemeinde stellt. Als die Schleswiger Stelle 1996 ausgeschrieben wurde, bewarben sich mehr als 60 Kandidaten. „So viele konnte nicht einmal der Hamburger Michel vorweisen“, erinnert sich Selle, der das „Rennen“ machte.

Er musste einfach Domkantor werden, könnte man heute in der Bischofskanzlei sagen und auf eine Art „göttliche Vorsehung“ verweisen. Denn inzwischen weiß man, dass Rainer Selle ein Nachfahre des einstigen Wesselburener Kantors Thomas Selle ist, dessen 1563 komponierter Choral „Auf, auf, ihr Christen alle“ in jedem Kirchengesangbuch steht. Thomas Selle war später Kantor von fünf Hamburger Hauptkirchen am Johanneum. 

Das Orgelspiel wird den Selles wohl irgendwie in die Wiege gelegt. Das gilt selbst für den ältesten Enkelsohn des Schleswiger Domkantors, der ebenso wie der Opa ohne Noten loslegt und bereits als Sechsjähriger seinem Großvater an den vier Manualen und auf dem Pedalwerk zeigte, wo es langgeht. „Der wird mich überholen“, ist sich Rainer Selle sicher.

Selle, der auch den Posaunenchor der Domgemeinde leitet, lebt mit seiner Frau Christina ganz und gar für die Kirchenmusik. Während sie unten vor dem Altarraum mit dem „Wichtelchor“ für den Adventsgottesdienst übt, ist er oben bei seiner Orgel. Mit der kann er nun nicht nur den ganzen Dom in Schwingung versetzen. „Wenn ich die höchsten Töne spiele, beginnen die Fledermäuse dort oben in der Kuppel im Tiefflug zu fliegen“, verrät er. Damit wisse er jetzt auch, was der Küster gemeint hat, als dieser ihm 1997 bei seinem Dienstantritt zuraunte, dass er in diesem Dom „niemals allein“ sein würde. „Anfangs dachte ich, hier schwebten Engel oder so herum“, lacht der Domorganist.

Rainer Selle bringt die Fledermäuse zum Tiefflug – und seine Frau, die Kantorin, die Glocken zum Läuten. Nicht in Schleswig, aber auf Amrum. Das kam so: Christina Selle, ebenfalls Württembergerin, studierte wie ihr Mann an der Esslinger Kirchenmusikschule. Um einmal herauszukommen, jobbte sie in den Semesterferien im Seehospiz in Norddorf auf der Insel Amrum. In der freien Zeit wollte sie nicht nur die Nordseeküste genießen, sondern auch an der Orgel üben. Also fragte sie den Küster der Kirche in Nebel, ob sie nach Feierabend auf dem Instrument spiele dürfe. Der Küster sagte Ja. Doch müsse er die Kirche, wenn sie abends übe, von außen abschließen. Sie bekomme einen Zweitschlüssel. Bis Mitternacht war Christina Selle ins Orgelspiel versunken, dann wollte sie zurück ins Seehospiz gehen, doch die Tür ließ sich nicht von innen öffnen. In ihrer Not zog die Studentin an den Tauen und brachte die Glocken zum Läuten. Doch wer glaubt, die ganze Insel wäre vom Sturmläuten hochgeschreckt, der täuscht sich. Nichts passierte – Christina Selle musste auf der Kirchenbank übernachten.

Für ihren Mann Rainer Selle alles andere als ein Albtraum – jedenfalls, wenn es der Schleswiger Dom ist und er auf der Bank seiner Orgel übernachten dürfte.

Kirchenkonzerte in der zweiten Adventswoche:

Heute, 11 Uhr: Peter-Paul-Kirche, Bad Oldesloe. Kirchberg: Musik zum 2. Advent – Buxtehude-Chor, Ltg. Henning Münther; Eintritt frei

Heute, 17 Uhr: St. Nikolai-Kirche, Kappeln. Bes(ch)wingter Advent: klassisch – traditionell – poppig;  es singen a-capella „Die Choriosen“. Eintritt frei, Spende erbeten.

Heute,17.30 Uhr: St. Nikolai, Flensburg. Kerzen und Musik zum 2. Advent,  Werke von D. Buxtehude (Magnificat Primi Toni), Samuel Scheidt („Veni Redemptor gentium“) und César Franck (Pastorale), Pastor Thomas Bornemann, Lesungen, Werner Schillies, Orgel. Eintritt frei – Kollekte am Ausgang.

Heute, 18 Uhr: St. Paulus-Kirche, Schleswig. Königsberger Str. 18:  Chorkonzert zum Advent; die Chöre der St. Michaelisgemeinde präsentieren junge und alte Meister, Leitung: Guido Helmentag; Eintritt frei-Kollekte erbeten.

Morgen, 17 Uhr: St. Marien, Rendsburg. Adventssingen mit dem Kinder- und Flötenchor, Kantatenchor und Gemeindekantorei: Leitung: Volker Linhardt;Eintritt frei.

Mittwoch, 11. Dezember, 18 Uhr: St. Laurentii, Itzehoe. Musikalische Vesper im Advent mit dem Flötenensemble (Werke von Prätorius, Altenburg und Eccard). Eintritt frei.

Donnerstag, 12. Dezember, 19.30 Uhr: Altes Pastorat, Flensburg, Südermarkt 15: Werkeinführung Benjamin Britten; Saint Nicolas – die Nikolaus-Kantate; John Rutter: Magnificat. Eintritt 4,- Euro (für Mitglieder des Fördervereins frei).

Sonnabend, 14. Dezember, 17.30 Uhr: St. Nikolai, Flensburg. Kerzen und Musik zum 3. Advent. Werke von Johann Pachelbel und Improvisationen; Pastor Thomas Bornemann, Lesungen; Michael Mages, Orgel; Eintritt frei – Kollekte am Ausgang.

Sonnabend, 14. Dezember, 11 Uhr: Peter-Paul-Kirche, Bad Oldesloe, Kirchberg: Musik zum 3. Advent; Jungorganisten: Lisa Schäfer, Jasmin Ostermann, Benedikt Schwardt, Eintritt frei.

(Auswahl, Angaben ohne Gewähr)

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