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Schleswig : Hafenbistro-Prozess: Werden Zeugen bedroht?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Zwei junge Männer vor Gericht mit Erinnerungslücken rund um den Überfall auf zwei Mitarbeiterinnen des Bistos Esch am Hafen.

shz.de von
erstellt am 10.Jun.2015 | 07:57 Uhr

Schleswig | Zum Schluss empfahl Richter Michael Lembke dem Zeugen, sein Gedächtnis zu trainieren. „Spielen Sie Memory, das hilft!“, rief er dem 21-Jährigen hinterher, als der den Schwurgerichtssaal im Flensburger Landgericht verließ. Es ging um den Raubüberfall auf zwei Mitarbeiterinnen des Fischbistros Esch am Stadthafen im Juni des vergangenen Jahres.

Der Zeuge war geladen worden, weil er dabei gewesen sein soll, als einige der fünf Angeklagten sich darüber unterhielten, dass am Fischbistro eine Menge Geld zu holen sein könnte. Daran aber konnte sich der junge Mann nicht erinnern. Ein anderer, 22-jähriger Zeuge hatte wenige Minuten zuvor dasselbe Schauspiel abgeliefert. „Ich weiß nichts von dem Überfall – bis auf das, was ich in der Zeitung gelesen habe“, sagte er. So waren die Prozessbeteiligten nach dem gestrigen Verhandlungstag nicht viel schlauer als vorher.

Dennoch wird das Gericht auf dem nächsten Sitzungstermin am 1. Juli voraussichtlich das Urteil fällen. Zu ihren jeweiligen Rollen bei der Tat und der Vorbereitung machen die fünf Angeklagten höchst unterschiedliche Angaben. Klar ist, dass drei von ihnen am Tatort waren, als zwei Bistro-Mitarbeiterinnen an einem Sonnabend um kurz nach 23 Uhr im Hafengang überfallen wurden. Ihnen wurden 4500 Euro geraubt, die sie in einem Wäschekorb trugen. Es waren die Tageseinnahmen, die sie dem Besitzer des Bistros nach Hause bringen wollten. Ein vierter Angeklagter fuhr das Fluchtfahrzeug. Er gibt an, nicht geahnt zu haben, dass seine drei Mitfahrer einen Überfall planten. Das Geld brauchten sie offenbar für die Spielhalle und für Drogen.

Der fünfte Angeklagte arbeitete als Küchenhilfe im Bistro. Er soll bei Treffen in der Wohnung von einem der mutmaßlichen Täter mehrmals von den Arbeitsabläufen in dem Lokal erzählt haben – und auch den entscheidenden Tipp geliefert haben, dass an jenem Abend zwei eher schmächtige Frauen das Geld transportieren und nicht der kräftige Chef persönlich.

Der 22-jährigen Zeuge bestritt nicht, bei den Treffen regelmäßig dabei gewesen zu sein. Aber worüber man sich dort unterhalten habe? „Das hab ich wirklich nicht genau mitbekommen. Das ist so lange her.“ Über die Arbeit im Bistro sei auch geredet worden, „aber eher so allgemein“.

In diesen Punkt kamen Richter und Verteidiger trotz mehrfacher Nachfragen nicht weiter. In einer anderen Sache aber bewegte sich der Zeuge dann doch noch: Er hatte von dem Überfall nicht erst aus der Zeitung erfahren. Einer der Angeklagten hatte sogar aus dem Gefängnis heraus mit ihm telefoniert. Inhalt des Gesprächs? „Er fragte, wie’s mir geht.“ An mehr könne er sich nicht erinnern. In diesem Telefonat soll es unter anderem darum gegangen sein, dass jemand den Zeugen bedroht habe – offenbar im Auftrag eines anderen Angeklagten und damit der Zeuge vor Gericht nicht alles sagt, was er weiß. Das ist jedenfalls die Version des Angeklagten, der aus dem Gefängnis aus anrief und der seine eigene Rolle bei dem Überfall als eher klein beschreibt. Der Zeuge sagte dazu nur: „Ich habe mal gehört, dass irgendjemand die Lüge verbreitet, ich wäre bedroht worden.“

In einer Verhandlungspause sorgte indes für Gesprächsstoff, dass während der Zeugenaussagen im Publikum nicht nur wie sonst ein paar Angehörige der Angeklagten saßen, sondern auch drei muskulöse und tätowierte Männer. Als die beiden Zeugen mit dem schwachen Gedächtnis entlassen waren, verschwanden auch die drei Männer.

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