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Gerichte in Flensburg und Schleswig : Gute Zeiten für Dolmetscher

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

828 Sprachexperten stehen den Gerichten in Schleswig-Holstein zur Verfügung – die Nachfrage steigt seit Jahren an.

shz.de von
erstellt am 20.Apr.2017 | 14:00 Uhr

Mehr als eine Viertelmillion Menschen leben in Vanuatu, einem souveränen Inselstaat im Südpazifik. Bleibt nur zu hoffen, dass sich keiner von ihnen jemals in einem Gerichtssaal in Schleswig oder Flensburg verantworten muss, denn das würde Richter, Staatsanwälte und Verteidiger hierzulande vor ein schier unlösbares Problem stellen. Wie soll man sich miteinander verständigen? Die Mehrheit der Bevölkerung des Inselstaates gibt als Muttersprache eine der 110 Sprachen Vanuatus an. Unter den 23.797 Dolmetschern und Übersetzern, auf die Gerichte in der Bundesrepublik Deutschland zurückgreifen können, findet sich aber nicht ein einziger, der einer dieser Sprachen mächtig ist.

Wie oft Dolmetscher tatsächlich im Gerichtssaal gebraucht werden, das kann Frauke Holmer vom Oberlandesgericht (OLG) Schleswig nicht sagen. „Dazu werden keine Daten erhoben“, sagt die Richterin und Pressesprecherin des OLG, das für die Pflege der offiziellen Dolmetscher- und Übersetzerdatenbank in Schleswig-Holstein zuständig ist. Insgesamt 828 Sprachtalente werden dort für das nördlichste Bundesland aufgeführt. Nicht nur Gerichte, Anwälte, Ärzte, Polizei und andere Behörden und Einrichtungen können ihre Dienste in Anspruch nehmen, auch Wirtschaftsverbände und Unternehmen oder Privatleute.

Dr. Harald Alberts, Pressesprecher des Verwaltungsgerichts, vor dem Asylanträge verhandelt werden, spricht in Anbetracht der vielen Flüchtlinge und der zunehmenden Zahl an Asylanträgen von einer klaren Tendenz: „Im Moment sind sehr gute Zeiten für Dolmetscher. Die Nachfrage ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Ohne sie geht es häufig nicht.“ Besonders Arabisch, Armenisch, Russisch und verschiedene Sprachen, die in Afghanistan gesprochen werden, seien zurzeit viel gefragt.

Salma von Velsen aus Stolk ist ein Sprachtalent und wohl eine der erfahrensten Dolmetscher hier im Norden. Sie spricht mehrere Sprachen fließend, darunter Englisch, Hindi, Urdu, Marathi, Banjabi und Gujarati, und ließ sich bereits 1990 für ihre Dolmetschertätigkeit im Gericht vom damaligen Präsidenten des OLG beeidigen. Aber auch die Bundespolizei nimmt ihre Dienste gerne in Anspruch. Von Velsen war bereits bei großen Razzien und Abhöraktionen dabei. Die gebürtige Inderin, die in Bombay aufwuchs und dort ein Psychologie- und Soziologie-Studium abschloss, kam mit 20 Jahren nach Deutschland, um in Englisch verfasste Studien für das Emnid-Institut in Bielefeld auszuwerten. Ihr Sprachtalent kam ihr in ihrer weiteren beruflichen Laufbahn immer wieder zugute, zum Beispiel als sie an der Rezeption des noblen Atlantikhotels in Hamburg in den 60er- Jahren Gäste aus aller Welt in Empfang nahm, bei ihrer Korrespondenztätigkeit für die Deutsche Bank oder eben auch bei ihren zahlreichen Einsätzen als Dolmetscherin für verschiedene Behörden. „Ich habe immer gedolmetscht, seitdem ich in Deutschland bin“, sagt die 74-Jährige, die sich heute damit nur noch ein Taschengeld dazu verdient. 70 Euro erhalten Dolmetscher pro Stunde für ihren Einsatz im Gericht, 75 Euro für simultanes Dolmetschen nach dem Justiz- Vergütungs- und Entschädigungsgesetz.

Auch Salma von Velsen hat es bei ihren Einsätzen in den Amts- und Landgerichten in Flensburg und Schleswig häufig mit Flüchtlingen zu tun, meistens mit sehr jungen, für die eine Vormundschaft beantragt werden muss. „Ich komme ins Spiel, wenn Menschen ohne Papiere, ohne alles hier aufgegriffen werden. Illegale Asylanten sind nicht erst seit heute hier, sondern seit eh und je“, sagt von Velsen. Im Gerichtssal kommen der Stolkerin manchmal die Tränen, denn „die dort erzählten schlimmen Geschichten können wahr sein“, sagt sie – viele seien es aber auch offensichtlich nicht, und dann spricht die gebürtige Inderin mit all ihrer Erfahrung gerne mal ein ernstes Wort mit denjenigen, deren Worte sie übersetzen muss. „Ich kann zwar meinen Senf nicht dazugeben. Das ist natürlich nicht erlaubt, ich darf nur das übersetzen, was mir erzählt wird. Aber ich ermahne denjenigen, der meines Erachtens offensichtlich flunkert, dass ihm die Menschen gegenüber sitzen, die ihm helfen können und wollen und er gerade diese nicht für dumm verkaufen sollte“, erklärt die Stolkerin. Gerade bei jüngeren Angeklagten würde sie ihre Erfahrung einbringen, um Richter und Angeklagtem aus „Sackgassen“ hinauszuhelfen.

Auch Mario Engelhardt aus Schleswig müsste mit seinen Arabischkenntnissen ein gefragter Mann im Gericht sein. Tatsächlich hatte der für den Bildungsträger Wirtschaftszentrum Handwerk Plus (WHP) tätige 60-jährige DaZ-Lehrer, der Arabisch studiert und ein Jahr im Libanon gelebt hat sowie mit einer Araberin verheiratet war, bisher noch keinen Einsatz vor Gericht.

Genauso geht es Zhongping Wu aus Flensburg. Der 43-jährige gebürtige Chinese, der vor 17 Jahren zum Studium nach Flensburg kam, und zurzeit dort promoviert, ließ sich im vergangenen Herbst als Dolmetscher beim Oberlandesgericht vereidigen. Seitdem habe er unter anderem eine chinesische Delegation aus Politik und Wirtschaft durch die Hamburger Hafencity begleitet oder seine Sprachkenntnisse für einen großen Erotikhandel mit chinesischen Geschäftspartnern zur Verfügung gestellt, berichtet Wu, aber ins Gericht wurde er noch nie gerufen. „Zum Glück“, scherzt er, denn das würde ja bedeuten, dass ein Landsmann angeklagt sei. Die chinesische Mafia sei hier oben im Norden aber offenbar nicht so ausgeprägt.

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