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Landgerichts-Prozess : Gutachter: Hammerschläger möglicherweise nur eingeschränkt schuldfähig

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der 26-jährige Schleswiger, der im März seine Ex-Freundin mit einem Hammer erschlug, muss mit einer langjährigen Haftstrafe rechnen – auch wenn ein Gutachter ihn für möglicherweise nur eingeschränkt schuldfähig hält.

Nach vier Wochen Pause ging vor dem Flensburger Landgericht gestern die Verhandlung gegen den inzwischen 26-jährigen Schleswiger weiter, der im März seine Ex-Freundin mit einem Hammer erschlagen hatte. Mittlerweile sind alle Zeugen vernommen, und der Prozess nähert sich seiner entscheidenden Phase. Am Donnerstag, 24. Oktober, ab 9.15 Uhr werden Staatsanwalt, Nebenkläger und Verteidiger ihre Plädoyers halten. Dann spricht das Gericht sein Urteil.

Der Angeklagte, der seit der Tat in Untersuchungshaft sitzt, muss mit einer langjährigen Gefängnisstrafe rechnen. Daran gibt es praktisch keinen Zweifel mehr.

Der psychiatrische Gutachter Dr. Klaus Friemert hat gestern ausgeschlossen, dass der Täter im Affekt gehandelt haben könnte, was zu einer deutlichen Strafmilderung führen würde. Der Angeklagte hatte ausgesagt, er könne sich an die entscheidenden Sekunden, als er mit dem Hammer mehrmals gegen den Kopf seines Opfers schlug, nicht mehr erinnern. Diese Darstellung hielt Friemert für nicht überzeugend. Typisch für eine Affekthandlung sei, dass man anfangs keine Erinnerung an sie habe, die Erinnerung dann aber nach und nach zurückkomme. „Beim Angeklagten verhält es sich genau umgekehrt. Am Anfang konnte er noch relativ genaue Angaben machen, und mit der Zeit will er sich immer weniger erinnern.“

Friemert sprach jedoch von einer „Affektspannung im alkoholisierten Zustand“. Es sei nicht völlig auszuschließen, dass der Angeklagte nur eingeschränkt schuldfähig gewesen sei. Bei dieser Einschätzung richte er sich nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“.

Friemert begründete dies mit einem Zusammenspiel zweier Faktoren. Erstens war er alkoholisiert, als er die Tat beging. Stunden später ergab eine Blutalkoholkontrolle 1,3 Promille. Als er zuschlug, muss er zwischen 1,6 und 2,0 Promille gehabt haben, rechnete Gerichtsmedizinerin Dr. Annika Basner vor. Weil er viel und regelmäßig trank, führte das aber nicht zu einem Kontrollverlust. Alle Zeugen, die kurz nach der Tat seine Wohnung betreten hatten, hatten keinerlei Ausfallerscheinungen bemerkt.

Als zweiten Faktor, der in Verbindung mit dem Alkoholkonsum die Schuldfähigkeit einschränken könne, machte der Sachverständige eine leichte psychische Störung aus. Schon als 13-Jähriger war der Angeklagte für mehrere Wochen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Hesterberg in Behandlung. Damals war er sehr dick und wurde in der Schule deshalb gemobbt. Den Frust fraß er lange Zeit in sich hinein – bis er irgendwann extrem aggressiv wurde. Der Angeklagte sei sehr selbstunsicher, sagte Friemert. Außerdem diagnostizierte er eine dissoziale Störung. „Er ist emotional wenig differenziert.“ Mitleid und Reue seien offenbar nur schwach ausgeprägt. „Es ist aber keine Persönlichkeitsstörung im klassischen Sinne, eher eine Persönlichkeits-Akzentuierung.“ Seine Wahrnehmung sei sehr selbstgerecht. Das werde deutlich am Streit um das Sorgerecht für die gemeinsame zweijährige Tochter, der Auslöser für die Tat war. Der Angeklagte hielt seine Ex-Freundin für ungeeignet, das Kind zu erziehen, weil sie angefangen hatte Kokain zu nehmen. Dass es auch ein Problem sein könnte, dass er selbst ständig betrunken ist, habe er nicht erkannt. „Da misst er mit zweierlei Maß.“

 

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erstellt am 22.Okt.2013 | 07:45 Uhr

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