Die Mukbels in Schleswig : Gut integriert

Zu Hause am Kaffeetisch bei Uta und Klaus Müller auf dem Holm: die vier Geschwister Elham, Suleman, Rahman und Hakim (v.li.) mit ihrer Mutter Buthaina Trad Mukbel. Daneben sitzt Cousine Kahnsa aus Nürnberg, die während der Weihnachtsferien zu Besuch gekommen ist.
Zu Hause am Kaffeetisch bei Uta und Klaus Müller auf dem Holm: die vier Geschwister Elham, Suleman, Rahman und Hakim (v.li.) mit ihrer Mutter Buthaina Trad Mukbel. Daneben sitzt Cousine Kahnsa aus Nürnberg, die während der Weihnachtsferien zu Besuch gekommen ist.

Vor drei Jahren kam die syrische Familie Mukbel in Schleswig an. Dank der Hilfe von Uta und Klaus Müller fühlt sie sich hier jetzt zu Hause.

shz.de von
30. Dezember 2017, 07:56 Uhr

Noch ein Stück vom Christstollen? Das syrische Mädchen Elham (17) und ihr drei Jahre älterer Bruder Suleman nehmen dankend an und probieren. Ihre beiden jüngeren Geschwister, Hakim (10) und Rahman (9), betrachten das deutsche Backwerk dagegen noch mit einiger Skepsis. Fremdes ausprobieren, offen sein für alles Neue – das haben diese vier und ihre Mutter Buthaina Trad Mukbel aus Damaskus seit ihrer Ankunft in Schleswig vor gut drei Jahren immer wieder auf vielen Gebieten des Lebens getan. Begleitet wurden sie dabei von Uta und Klaus Müller, ihren Flüchtlingslotsen.

Bei ihnen zu Hause auf dem Holm sitzen alle gerade am geschmückten Kaffeetisch mit Apfelpunsch und Gebäck. In ihrem Blickfeld dreht sich eine fast mannshohe Weihnachtspyramide, die Klaus Müller, pensionierter Englisch- und Sportlehrer der Domschule, selbst ausgesägt und gefertigt hat. „Seht mal“, sagt er, „die sieht so aus, als käme sie aus dem Orient.“ Wie importiert aus der Heimat der Familie Mukbel.

Als die SN im Juni 2015 über die ersten Schritte der syrischen Familie berichteten, die wenige Monate zuvor nach mehrjähriger Flucht durch den Libanon und schließlich über das Mittelmeer in Schleswig gelandet war, konnten die kleineren Brüder noch kein Wort Deutsch sprechen. Nur Elham, damals 15 Jahre alt, und ihr Bruder verständigten sich mit Englisch. Sie dolmetschten für die Mutter und managten für die Familie den Alltag, unterstützt durch die Müllers. Bis heute sitze der Vater der Familie im Libanon fest, erzählt Suleman, denn er bekomme dort keinen gültigen Pass.

Integration - das Wort schallt im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Migranten aus allen Ecken der Republik. Jener Prozess, der am Ende zu dem Ziel führen soll, Zugewanderte einzugliedern in die Gesellschaft, sie zu einem Teil des Ganzen werden zu lassen.

Trifft diese Idealvorstellung bereits auf die syrische Familie zu? Ist sie in Schleswig integriert? „Ich würde sagen: ja, für mich ist sie ein gelungenes Beispiel für Integration“, erklärt Klaus Müller. Und was sagt die syrische Familie selbst?

Tatsächlich spricht der Werdegang aller vier Kinder für sich. Zunächst: Alle sprechen jetzt flüssig und sehr gut Deutsch. Nur Mutter Buthaina (43), die sichtlich stolz auf ihre Schar ist, kämpft noch mit der deutschen Sprache, geht aber jeden Vormittag in einen Sprachkurs. Sohn Suleman, der am 14. Januar seinen 20. Geburtstag hat, macht gerade eine Ausbildung zum Arzthelfer beim Schleswiger Kinderarzt Dr. Jens Hartwig. Über ein Praktikum war er an die Lehrstelle gelangt und fühlt sich dort sehr wohl, sagt er. „Die Arbeit macht mir Spaß.“ Und praktisch: „Arabischen Flüchtlingsfamilien, die mit ihren kranken Kindern in die Praxis kommen, helfe ich als Dolmetscher.“ Später möchte er die Fachhochschulreife machen, um in dem Beruf weiterzukommen. Seine Schwester Elham will ebenfalls den Weg bis zur Fachhochschulreife gehen. Von der Dannewerkschule musste sie nach der 9. Klasse abgehen – wegen einer Fünf in Deutsch. In Mathe, Englisch und auch anderen Fächern steht sie bestens da. „Nur nicht in deutscher Grammatik und Geschichte, den Zweiten Weltkrieg habe ich zum Beispiel nicht verstanden“, sagt sie.

Dennoch will sie nicht aufgeben. Von Klaus Müller, der bei Bedarf immer noch sein zweites Ich als Lehrer und Pädagoge aktiviert, erhält sie nun zusätzlichen Unterricht. „Ich möchte es gern bis zum Fachhochschulreife schaffen und eine gute Ausbildung machen“, betont sie. In ihrer Freizeit hat sie in Ulsnis kürzlich den Jugendgruppenleiter-Schein erworben. Und für die Familie ist sie das, was man gern eine Kümmerin nennt. Sie kümmert sich mit ihren 17 Jahren um fast alle ihre Belange. Wie kürzlich bei ihrem kleinen Bruder Rahman, der in die 4. Klasse der Bugenhagenschule geht und dem dort von einem Mitschüler übel mitgespielt wurde. Gleich am nächsten Tag ging sie mit ihm zu seiner Lehrerin, um die Lage zu klären. Rahman ist gut in der Schule und möchte zur Domschule, wo sich schon sein Bruder Hakim seit dem vergangenen Sommer befindet.

„Die Domschule ist toll“, meint er, der stets verschmitzt dreinschaut. Schulisch hat er auch gut lachen: In Mathe und in Englisch steht er auf Eins. Nur mit der deutschen Grammatik hapert es auch bei ihm.

Arabische Flüchtlingskinder und deutsche Grammatik: Für Klaus Müller besteht hier ein Problem, das systembedingt ist, weil es in den sogenannten DaZ-Zentren der Schulen nicht ausreichend angegangen werden kann. „Obwohl sich die Lehrer sehr bemühen, fehlt im Anschluss an den ein- bis zweijährigen DaZ-Unterricht doch die weitere Begleitung der Schüler“, hat er beobachtet. Denn sie kommen in ihre Regelklassen zurück, wo die deutschen Mitschüler sprachlich schon wieder viel weiter sind. „Es ist schwer für sie, etwa den richtigen Artikel zum Substantiv zu finden oder auch die Literatursprache richtig zu deuten“, meint er. Er fordert daher für sie ein Begleitheft oder eine App fürs Smartphone, um für kontinuierliche Sprachhilfe zu sorgen.

Der, die oder das – die Geschwister jedenfalls fühlen sich nach drei Jahren in Schleswig voll und ganz integriert. „Wir haben hier viele Freunde gefunden und wollen nicht wieder zurück“, sagt Suleman. Elham nickt.

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