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Schleswig-flensburg : Grundschulen halten an Noten fest

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Laut Erlass sollte es in den Klassenstufen 1 bis 4 nur Berichts-Zeugnisse geben – aber die meisten Schulen im Kreis haben sich anders entschieden.

Früher war alles ganz einfach: Zweimal im Jahr gab es Zeugnisse – und für jede Eins spendierte Oma fünf Euro, jede Zwei brachte noch einmal zwei Euro zusätzlich. Wenn Grundschüler heute ihre Zeugnisse vorzeigen, kann es sehr viel komplizierter werden. Statt der leicht verständlichen Ziffern stehen da inzwischen oft Texte. So könnte es unter dem Fach Mathematik beispielsweise heißen: „Du hast Dir bei den Aufgaben mit Zehnerübergang große Mühe gegeben. Bis heute kannst Du sie leider nur teilweise richtig rechnen.“ Die Einschätzung der Leistung ist schwieriger, aber auch differenzierter geworden.

Seit Schuljahresbeginn gilt der Erlass, dass alle Grundschulen im Lande von Klasse 1 bis 4 notenfrei sind. Allerdings können die zu gleichen Teilen mit Lehrern und Elternvertretern besetzten Schulkonferenzen auf Antrag etwas anderes entscheiden. Und davon wurde im Kreis Schleswig-Flensburg reichlich Gebrauch gemacht. Insgesamt 41 Grundschulen listet das Schulamt auf – und nur 14 davon folgen dem Erlass des Bildungsministeriums.

Die Grundschule in Jübek hat sich anders entschieden. Hier gibt es weiterhin ab Klassenstufe 3 Noten mit Erläuterungen. „Wir haben die Eltern informiert, im Kollegium diskutiert und letztlich eine Schulkonferenz abgehalten“, erläutert Rektorin Birte Ströh. Das Ergebnis war eindeutig: Fast alle Eltern und auch ein Großteil der Lehrer wollten die Noten behalten. Die Schulleiterin wehrt sich energisch gegen die Einschätzung, dass Notenzeugnisse undifferenziert sind, nicht auf die Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler eingehen und den Lernverlauf nicht dokumentieren. „Eine Rückmeldung für die Eltern ist über die Noten hinaus jederzeit gewährleistet“, sagt die Pädagogin, „wir sind immer zu Gesprächen bereit“.

Zumindest an der Jübeker Grundschule ist die Diskussion aber noch nicht abgeschlossen. Als einer Hauptgründe für die Beibehaltung der Noten bezeichnete Birte Ströh die fehlende Grundlage aus dem Ministerium. „Wenn erst einmal feststeht, wir die Zeugnisse ohne Noten aussehen sollen, werden wir wieder in die Diskussion einsteigen. Bis es so weit ist, halten wir an der bewährten Praxis fest.“

Feste Anweisungen aus dem Ministerium aber wird es wohl nicht geben. „Kern des politischen Willens ist es, dass die Schulen sich selbst entscheiden können“, sagt Thomas Schunck, der Sprecher des Kieler Bildungsministeriums. Mit dem Erlass zur notenfreien Grundschule definiere die Landesregierung einen Standard, von dem abgewichen werden könne. Schunck verweist darauf, dass zurzeit an dem Entwicklungsbericht gearbeitet wird, der für den Übergang von der Grund- an eine weiterführende Schule von Bedeutung ist. „Da werden Erfahrungen ausgewertet und evaluiert, damit wir zu einem landesweit vergleichbaren Verfahren kommen“, sagte der Sprecher. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen würden dann möglicherweise auch zu weiteren Empfehlungen für die Grundschul-Zeugnisse führen.

Die Diskussion über die Zeugnisse von Grundschülern ist noch längst nicht beendet. Das zeigt auch der Zuspruch für eine Vortragsreihe von Prof. Hans Brügelmann unter der Überschrift „Die Not mit den Noten“. In Lübeck, Rendsburg, Schleswig und Büchen erklärte der Erziehungswissenschaftler von der Universität Siegen, dass Noten Angst machen, sich auf schlechte Schüler negativ auswirken, subjektiv und wenig aussagekräftig sind. Doch mit der Abschaffung allein sei es nicht getan. Brügelmann fordert Leistungsinformation statt Klassifikation und Beschreibung statt Bewertung.

Der Wissenschaftler kommt zu dem Schluss, dass letztlich nicht die Noten selbst, sondern die Schulen das Problem sind – das hierarchische Problem, die Selektions-Orientierung und die Ökonomisierung. Zu den Voraussetzungen für eine Veränderung gehören unter anderem eine Rollenveränderung im Unterricht und ein Mentalitätswechsel unter Lehrern und Eltern. Die Diskussion beschränkt sich längst nicht mehr auf die Frage nach den Noten – sie geht weit darüber hinaus.

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erstellt am 07.Mär.2015 | 12:15 Uhr

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