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Schleswiger Nachrichten

13. Dezember 2017 | 16:06 Uhr

Schleswig : Gottesdienst wie zu Luthers Zeiten

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Über 120 Gläubige nehmen im St.-Petri-Dom an einer Reise in die Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert teil.

shz.de von
erstellt am 20.Apr.2015 | 07:14 Uhr

„Sie werden auf lange Sicht nicht so wenig am Gesang beteiligt sein wie heute“, verkündete Professor Konrad Küster den mehr als 120 Gläubigen, die im St.-Petri-Dom einen Gottesdienst der Zeit Martin Luthers besuchten. Die verbreitete Annahme, dass in damaligen Gottesdiensten viel gesungen wurde, stimme zwar – die Gemeindemitglieder blieben jedoch meist stumm, erklärte der Musikwissenschaftler von der Universität Freiburg in seinen einführenden Worten. Vielmehr waren die Chöre sowie Pastoren für den Gesang zuständig. Im Dom übernahmen dies der Auswahlchor der Schleswiger Domkantorei unter der Leitung Rainer Selles, das dänische Vokalensemble Vest aus Esbjerg mit Leitet Lars Ole Mathiasen, und Pastor Joachim Thieme-Hachmann.

Als Fachmann für die protestantische Musikkultur des 16. Jahrhunderts war Konrad Küster für die historische Aufbereitung des Gottesdienstes, der im Rahmen des europäischen Interreg-Projektes „Musik und Religion zwischen Ribe und Rendsburg“ stattfand, verantwortlich. Als Brücke in die Vergangenheit dienten ihm Quellen aus Dänemark, wo das Luthertum bereits 1536 Staatsreligion wurde. Während Luther in seiner 1526 herausgegebenen „Deutschen Messe“ in Detailfragen vage blieb, enthielt die Dänische Kirchenordnung 1539/40 sowie das Musikinventar des Lehrers Hans Thomissøn (1532-1573) aus Ribe detailreiche Angaben zum Ablauf der Gottesdienste. Mitte des 16. Jahrhunderts „lag dort für jeden Sonntag ein Textrepertoire vor“, erzählte Küster von der „Pioniersituation“.

Allerdings sei die Reformation keine Revolution gewesen, „sondern eine Veränderung im gegebenen Rahmen“. Dazu gehörte auch, dass ganz in Luthers Sinne die Gottesdienste in der jeweiligen Muttersprache stattfanden. Aber gerade in Städten mit Lateinschulen wurde ein fremdsprachlicher Anteil beibehalten. „Je größer die Feste, desto mehr Latein“, erklärte Küster. Da in Schleswig ein Ostergottesdienst begangen wurde, hatten Besucher die seltene Gelegenheit, ihre Lateinkenntnisse – so vorhanden – anzuwenden. Wer dagegen Deo nur aus dem Drogeriemarkt kennt und Gloria für eine Fürstin hält, dürfte ein Gefühl dafür bekommen haben, wie sich der durchschnittliche Christ in einem Gottesdienst vor der Reformation gefühlt haben mag.

Die Worte Deo und Gloria entstammen einem Lied von Jacobus Clemens non Papa. Den letzteren Teil, übersetzt „nicht Papst“, habe der Komponist seinem Namen aus unbekanntem Grund beigefügt, so Küster: „Nur, damit Sie nicht denken, das wäre sein Nachname.“ Es war nicht das erste Mal, dass die Dombesucher schmunzeln mussten. Besonders war am Gottesdienst auch, dass die Zuhörer von den zwei Chören eingerahmt wurden: Die dänischen Sänger aus Esbjerg sangen auf dem Lettner, die Domkantorei war von der Empore aus zu hören. Und Joachim Thieme-Hachmann stimmte das Vaterunser an – als Sprechgesang. Eine „spannende“ Erfahrung, die ihn an seine Studentenzeit erinnerte: „Damals hat der Pastor in meiner Kirche das Vaterunser auch gesungen.“ Das gemeinsame Sprechen mit der Gemeinde sei eine moderne Entwicklung.

Bischof Gothart Magaard dagegen musste nicht singen. Er hielt Martin Luthers Osterpredigt von 1533. Darin erwähnte Luther Tod und Teufel, die den Menschen Jesus Christus getötet hätten, nicht jedoch seine Gottheit. Mit seiner Auferstehung wolle Christus den Menschen Trost spenden. Sie litten damals wortwörtlich unter „Höllenangst“, so Magaard: Sie hatten Angst, wegen ihrer Sünden in der Hölle zu landen – Ablassprediger hätten dies ausgenutzt und letztlich zu Luthers Thesenanschlag geführt. „Es schämt mich, dass die Kirche den Menschen damals Angst gemacht hat“, betonte Magaard ehe er mit der Predigt fortfuhr – in leicht abgewandelter Form: Luthers Predigten dauerten bis zu einer Stunde. „An dieser Stelle erlaube ich mir, ein wenig vom historischen Vorbild abzuweichen – aber nur ein wenig“, sagte Magaard und erntete wohlwollende Blicke.

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