Ghana veränderte ihre Weltsicht

Beim Toben mit den Kindern erlebte Marina Reichenbach im Waisenhaus besonders fröhliche Stunden. Foto: privat
Beim Toben mit den Kindern erlebte Marina Reichenbach im Waisenhaus besonders fröhliche Stunden. Foto: privat

Marina Reichenbach aus Esgrus zieht nach ihrem einjährigen Freiwilligendienst eine zwiespältige Bilanz

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01. September 2011, 07:23 Uhr

Kappeln | 5500 Kilometer - diese Distanz hat Marina Reichenbach ein Jahr lang von allem Gewohnten, von aller Routine getrennt. Im Sommer des vergangenen Jahres hatte die Esgruserin ihr Abitur an der Klaus-Harms-Schule in Kappeln bestanden, kurz danach ist sie nach Ghana aufgebrochen, elf Monate hat sie dort in einem Waisenhaus einen Freiwilligendienst abgeleistet. Fast alles war fremd, vieles ungewohnt, manches befremdlich, anderes besser als zu Hause. Jetzt ist Marina Reichenbach zurück in Deutschland - eine junge Frau, die viel über eine ihr bislang fremde Kultur und noch mehr über sich selbst gelernt hat.

Im Rückblick gab es vor allem ein Thema, das die 21-Jährige nie losgelassen hat: die oft mit Gewalt verbundenen Erziehungsmethoden im Waisenhaus. Marina Reichenbach berichtet von Schlagstöcken und von dunklen Räumen, in die die Kinder eingeschlossen wurden. "Die Mitarbeiter im Waisenhaus haben das immer mit ihrer Kultur begründet", sagt sie. "Aber uns Freiwilligen fiel es schwer, das einfach hinzunehmen." Das Werkzeug der Freiwilligen: "Wir haben ihnen unsere Unterstützung entzogen." Häufig war die Esgruserin der Puffer zwischen Kindern und Mitarbeitern, hat, wenn sie bemerkte, dass eine Erzieherin überfordert war, die Kindergruppe geteilt und auf diese Weise die Situation entschärft. Heute sagt sie: "Das waren ganz blöde Momente. Aber auch Schlechtes geht vorbei, und ich habe nie überlegt, die Sache deswegen abzubrechen."

Unterm Strich war es nämlich eben jene Arbeit mit den Kindern, die Marina Reichenbach als besonders wertvoll verbucht. "Mit ihnen verbinde ich viele spontane Erlebnisse", sagt die Rückkehrerin. "Sie waren nicht parteiisch, stattdessen ungezwungen und haben meine Zeit enorm bereichert." Ihnen hat sie Englischunterricht gegeben, sie in ihrem Alltag begleitet, manchmal mit Händen und Füßen mit ihnen kommuniziert. Und in Hellena, einer Mitarbeiterin in einem Telefonladen in Agona Swedru, nahe der ghanaischen Hauptstadt Accra, hat die Deutsche zudem eine echte Freundin gefunden. "In Ghana heißt es schnell I want to take you as a friend ", erinnert sich Marina Reichenbach. "Das sind dann fast erzwungene Freundschaften." Anders mit Hellena. Die beiden haben viel Zeit miteinander verbracht, heute halten sie über eine Internetplattform Kontakt, vielleicht steht für Hellena bald ein Besuch in Deutschland an.

Besuch hatte Marina Reichenbach übrigens auch in Ghana: Im Januar reiste ihr Vater für fünf Wochen an, die beiden unternahmen eine Rundreise, klapperten - so nennt es die 21-Jährige rückblickend - "die typischen Attraktionen" ab. Im Nationalpark erlebten sie Elefanten, Krokodile und Antilopen hautnah, überquerten den Volta-Stausee, erholten sich am Strand.

In diesem Sommer dann stand die Rückkehr nach Hause an. Am Hamburger Flughafen wartete eine Freundin auf Marina Reichenbach, am Bahnhof in Kiel die Familie. Ihr hat die Esgruserin schon längst ihre Eindrücke der vergangenen Monate geschildert. Über sich selber sagt sie: "Einige meiner Ansichten haben sich definitiv geändert, ich selber aber nicht." Realistischer sei sie geworden, habe begonnen, ihre Positionen stärker zu hinterfragen. Die 21-Jährige lacht: "Das passiert eben, wenn man viel Zeit zum Nachdenken hat."

Jetzt steht sie vor der Rückkehr in ihren Alltag, den bald ein Studium bestimmen soll - Lehramt, Deutsch und Ethik, am liebsten in Berlin. "Dort wollte ich schon immer hin", sagt die künftige Studentin. "Ich glaube, ich kann dort glücklich werden." Ob sie ihren Freiwilligendienst noch einmal antreten würde, jetzt, da sie weiß, wie die Routine im Waisenhaus aussieht ? Marina Reichenbach überlegt nicht lange: "Ich würde sofort wieder ins Ausland gehen, gerne nach Israel oder Skandinavien, aber nicht noch einmal im Freiwilligendienst. Und jetzt habe ich erstmal das Leben hier im Blick." Sie ist eben realistischer geworden.

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