zur Navigation springen
Schleswiger Nachrichten

17. Oktober 2017 | 17:23 Uhr

„Gewaltdarstellung soll aufrütteln“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Zwei schwedische Krimiautoren lesen bei Liesegang / Gespräch mit dem Übersetzer Wolfgang Butt, der sich mit Schweden-Krimis auskennt

Am 29. und 31. Oktober präsentieren (jeweils um 19.30 Uhr) gleich zwei bekannte schwedische Krimiautoren ihre neuen Bücher in der Buchhandlung Liesegang. Am 29. hat Ann Rosman „Die Wächter von Marstrand“ im Gepäck – ein lesenswertes Buch schon auf Grund seiner Konstruktion. Die Autorin verknüpft geschickt historische Ereignisse mit dem aktuellen Kriminalfall. Ganz anders Bestsellerautor Arne Dahl. Er liest am 31. Oktober aus seinem Thriller „Bußestunde“: furioser Schlußpunkt seiner preisgekrönten Serie um das Stockholmer Ermittlerteam „A-Gruppe“. Der Eintritt zu den Lesungen kostet 10 bzw. 15 (Dahl) Euro; Kombiticket: 20 Euro. Die Romane von Dahl und Henning Mankell werden ins Deutsche übersetzt von Wolfgang Butt. Der Skandinavist, früher als Verleger tätig, hat entscheidend zum Erfolg dieser Autoren beigetragen. Mit Butt führte SN-Redakteur Michael Radtke ein schriftliches Interview.


Herr Butt, Kriminalromane aus den skandinavischen Ländern haben seit Jahren beim deutschen Publikum Konjunktur – und die Nachfrage scheint nicht abzunehmen. Was sind die Gründe dafür?
Butt: Ich glaube, es hängt zunächst einmal damit zusammen, dass beinahe alles Skandinavische bei uns einen Anständigkeitsbonus hat. Ob berechtigt oder nicht: Wir nehmen den moralischen Ernst der Skandinavier ernst. Doch es gibt auch noch weitere Gründe: ein bisschen skandinavische Exotik, das Nordlandklischee, politische Affinität (gute alte sozialdemokratische Werte) und die angenehme Durchschnittlichkeit der Kommissare/Detektive – eben nicht James Bond.

Worin liegt für Sie als Übersetzer der spezielle Reiz bei der Übertragung derWerke Ihrer Autoren in die deutsche Sprache?
Der Reiz des Übersetzens liegt darin, die unterschiedlichen Eigenarten (oder auch Macken) der Autoren zur Geltung zu bringen. Ob es mir immer gelingt, dem jeweiligen Ausgangstext gerecht zu werden, ist eine andere Frage. Der Schwierigkeitsgrad wechselt je nach der stilistischen Sorgfalt, mit der ein Text geschrieben ist. Generell gilt: Gut geschriebene Texte sind leichter zu übersetzen als schlampig geschriebene.

Sie leben überwiegend in Südfrankreich. Sind (oder waren) Sie gleichwohl häufiger in Skandinavien beziehungsweise Schweden, um „vor Ort“ Land und Leute zu studieren und die Atmosphäre aufzunehmen?
Ich lebe nur noch in Südfrankreich. Aber ich bin immer noch mindestens einmal im Jahr in einem skandinavischen Land. Übers Internet habe ich ständigen Kontakt mit der skandinavischen Alltagsrealität. Für Wendungen, die ich in den Originaltexten dennoch nicht verstehe (z.B. neuesten Jugendslang), habe ich Gewährsleute in Schweden, wobei naturgemäß die Jüngeren (mein Freund Dylan in Vänersborg ist zwölf Jahre alt) in den Vordergrund treten.

Die Strukturen der Bücher von Dahl und Mankell sind sehr unterschiedlich: Mankell bevorzugt den einsamen Polizisten als Ermittler, Dahl mehr das toughe Team. Welcher Roman-Aufbau entspricht eher der „skandinavischen Seele“?
Ich bin nicht ganz einverstanden mit der Frage. Eine „skandinavische Seele“ existiert für mich nicht. Es handelt sich um unterschiedliche Autorenpersönlichkeiten und demzufolge um unterschiedliche Gewichtungen in Bezug auf individuelle und kollektive Ermittlungstätigkeit. Wallander ist ja nicht wirklich allein, er hat ein Team zur Seite, wenn es auch nicht so zahlreich ist wie Arne Dahls A-Gruppe, ein geradezu kunterbuntes Kollektiv. Wallander stellt alle Kollegen in den Schatten, bei Arne Dahl fehlt diese alles dominierende Gestalt. Für mich sind solche Unterschiede teils persönlichkeits-, teils generationsbedingt. Nix „skandinavische Seele“.

Ganz generell: Welcher der skandinavischen Krimi-Autoren schreibt die glaubwürdigsten Plots?
Sie schreiben sämtlich keine im einfachen Wortsinn glaubwürdigen Plots. Aber darum geht es wohl auch nicht. In einem übertragenen Sinn sind die Plots vielleicht „wahr“, im Sinne von vorstellbar. Kriminalromane sind ja in der Regel keine Reportagen, sondern Fiktionen, die fesseln, unterhalten, eventuell auch Einsichten vermitteln sollen, psychologische, politische, moralische. La Fontaines Fabeln, um ein ganz anderes Genre zu nennen, sind offensichtlich nicht glaubwürdig, aber in einem übertragenen, symbolischen Sinn sind sie wahr. Das trifft auch für gute Kriminalliteratur zu.

Schwedische Krimis bieten seit dem Autoren-DuoSjöwall & Wahlöö häufig sehr detailliert dargestellte Brutalitäten. Das entspricht auf den ersten Blick gar nicht der auf Konsens ausgerichteten schwedischen Gesellschaft. Wie erklären Sie sich diese Divergenz?
Die Autoren weisen gern daraufhin, dass die Wirklichkeit in der Regel viel grausamer ist als die Fiktion. Arne Dahl hat einmal erklärt, die bewusste, gewaltsame Tötung eines Menschen sei etwas so Schreckliches, dass man sie gar nicht drastisch genug beschreiben könne. Es geht ihm um die kathartische Wirkung. Gewaltdarstellung soll aufrütteln, uns aus der Gleichgültigkeit reißen gegenüber allen Formen von Gewalt in unserer Gesellschaft. Das gilt sicher auch für Mankell. Ob diese kathartische Wirkung wirklich eintritt, hängt vom Leser ab. Davon abgesehen sind viele der ausgeklügelten Tötungsmethoden nicht nur bizarr und absurd, sondern, wenn man so will, genremäßiges (Kunst-) Handwerk. Zuweilen habe ich den Eindruck, die Autoren tragen insgeheim einen Wettbewerb aus, wer sich die abstrusesten Tötungsmethoden ausdenkt. Man darf sicher kritisch fragen, ob nicht hier und da auch ein gewisser Voyeurismus bedient wird.

Dahl wie Mankell bauen in ihre Romane gerne auch politische Aspekte und sogar Botschaften ein. Sind das aus Ihrer Sicht eher Fremdkörper? Oder kann man vielleicht gerade in einen Kriminalroman politische Statements integrieren?
Ich sehe politische Aspekte in der Literatur generell nicht als Fremdkörper an, schon gar nicht im Kriminalroman. Damit will ich nicht sagen, dass es eine Pflicht der Autoren wäre, das Politische in Form eines bewussten Engagements zu gestalten. Botschaften und Statements können Fremdkörper sein, wenn sie aufgesetzt sind und sich nicht als Einsichten aus der Handlung ergeben.

Es gibt Kriminalromane, die aus der Spannungsliteratur herausragen und denen literarische Qualitäten zugeschrieben werden. Entsprechen in der schwedischen Krimi-Szene Bücher und Autoren diesem Kriterium?
Zunächst einmal ganz generell: Je weniger Klischees bedient werden, desto höher ist die literarische Qualität. Das fängt an bei der Sprache und setzt sich fort bei den benutzten Motiven und Handlungsmustern. Andererseits ist der Kriminalroman ein Genre mit festen Eckwerten. Mord muss sein, ein Fahrraddiebstahl tut es nicht, obwohl auch ein solcher Rätsel aufgeben könnte, aber es fehlt ihm der Spannungsfaktor, der erst durch eine drastische Störung der Normalität, also Mord oder Totschlag ausgelöst wird. Und es muss jemanden geben, der den Fall zu lösen versucht, am liebsten auch löst, zu unserer Beruhigung; die Ordnung ist wiederhergestellt. Löst er ihn nicht oder nicht zu unserer Befriedigung, weil das alte Gut-Böse-Schema aus den Angeln gehoben ist, hat dies Beunruhigung zur Folge. Wir sind gefordert, uns damit auseinanderzusetzen, unsere Denkgewohnheiten zu überprüfen.

Vor diesem Szenario: Worin besteht dann die Leistung der schwedischen Krimi-Autoren?
Sjöwall & Wahlöö, später Henning Mankell und auch Arne Dahl, haben das altgewohnte Schema des Rätselkrimis mit seiner simplen Fragestellung: Wer war’s? umgekrempelt und dem Genre neue Sinn- und Erkenntnisdimensionen zugeführt – psychologisch, philosophisch, politisch, historisch. Zum Erkenntnisgewinn darf gern auch ein ästhetischer Gewinn kommen: sorgfältig durchgearbeitete Texte mit schönen Bildern, gutem Rhythmus, interessanten Dialogen, Spannungs- und Überraschungseffekten, die eine lustvolle Lektüre garantieren. Kriminalromane, die diese Kriterien erfüllen, sind für mich literarisch.






zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen