Standpunkt : Gesucht: Ein "Marshall-Plan" für Schleswig

Die Stadt Schleswig steckt in der Misere und Kieler Beamte sind daran nicht unschuldig, meint Michael Radtke, Redaktionsleiter der Schleswiger Nachrichten.

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21. Februar 2012, 09:48 Uhr

Schleswig | "Aufgabe einer verantwortungsvollen Kommunalpolitik muss es sein, Zukunftsperspektiven aufzuzeigen, wie es mit Schleswig weitergehen kann." Und: "Wir können es uns nicht leisten, so weiterzumachen wie bisher. Dann können wir Schleswig nur noch abwickeln."
Diese Sätze stammen aus einem Schreiben von Rainer Haulsen, Ratsherr und Mitglied der CDU-Fraktion in der Schleswiger Ratsversammlung. Das Schreiben versammelt auf zweieinhalb Seiten viele Argumente: pro Therme, pro Schwimmbad-an-der-Therme, pro Entwicklung auf der Freiheit. Datum: 8. Februar 2011. Ein Jahr später sind die oben genannten Schlussfolgerungen aktueller denn je - nach dem einvernehmlichen Aus für die Therme.
Stadtentwicklungskonzept ist obsolet geworden
Deshalb forderte der grüne Ratsherr Dr. Johannes Thaysen zu Recht einen "Marshallplan für Schleswig". Zwar gibt es seit 2008 ein "Integriertes Stadtentwicklungskonzept" für die Schlei-Stadt. Doch schon, weil dieses Konzept immer wieder auf die Chancen abhebt, die eine attraktive Gestaltung des Areals auf der Freiheit mitsichbringen würde, ist es inzwischen obsolet geworden.
Das ist denn auch das größte Manko, das mit der prekären Entscheidung der Ratsversammlung einhergeht: Darauf, wie es mit der für die künftige Anmutung der Stadt zentralen Fläche weitergeht, hat eben diese Stadt keinen (formalen) Einfluss mehr. Genauer: Sie hat diesen Einfluss aufgegeben. Mit einem Ruck. Nach hinten.
Team Vivendi kann sich zurücklehnen
Derweil kann sich Team Vivendi zurücklehnen. Man kümmert sich vorrangig um ein Hotel-Projekt im baden-württembergischen Neckarsulm (27.000 Einwohner, 29.500 Arbeitsplätze), wo Volker Schlüschen und Dr. Jürgen Wernekinck der rote Teppich ausgerollt wird.
Alles andere ist freibleibendes Wohlwollen: Ob das Freiheitsfest hier seinen festen Platz findet, ob das Restaurant im alten Casino kommt, ob die auf der Freiheit bereits ganz gut funktionierenden kleinen Gewerke bleiben dürfen, ob die Casa Cultura erhalten oder gar umgebaut wird, ob die neue Spielstätte des Landestheaters hier (viel günstiger als am Lollfuß) multifunktional aufgestellt werden kann. Und natürlich überlegen die Team Vivendi-Leute, was sie auf eigene Kosten jetzt errichten wollen: Hafen? Hotel? Spa-Anlage? Im Wort sind sie nicht mehr gegenüber der Stadt, wohl aber bei ihren Mietern.
Was wirklich verärgert ist die Rolle der Kieler Beamten
Bei der Suche nach den "Schuldigen" und einem entsprechenden Eintrag im Klassenbuch lassen wir einmal die örtliche Politik und die örtliche Verwaltung außen vor. Die haben in diesen Tagen genug damit zu tun, in ihrer ach so rationalen Entscheidung zu baden. Dazu gehört auch die Formulierung eines SPD-Ratsherrn, die Behauptung, alle hätten Fehler gemacht, sei "dusselig", die Presse pflege "reinen Populismus". Er weiß es ja besser.
Was vielmehr wirklich verärgert, ist die Rolle der Kieler Beamten in Bezug auf Schleswig. Sie können wissen, dass hier eine Stadt um ihre Zukunft ringt. Und doch urteilen sie mit zweierlei Maß. Bei einer Stadt gibt es "gute" und es gibt "schlechte" Schulden. Gute Schulden sind die, mit denen man in die Perspektive der Stadt investiert. In Arbeitsplätze für junge Leute. In Gewerbesteuereinnahmen. In Konzepte. Doch für Kiel scheint es in Schleswig nur schlechte Schulden zu geben. Also baut man unnötige Junktims (Thermen-Zuschuß nur mit Hotel und Ferienpark). Und droht mit der Roten Karte der Kommunalaufsicht - als ob andere Städte im Land nicht trotz hoher Schuldenquote investieren würden. So bleibt Schleswig nichts anderes übrig, als sich am eigenen Schopf aus der Misere zu ziehen. Weitermachen wie bisher? Geht gar nicht.

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