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Jugendliche Asylbewerber : Gestrandet im Elisabethheim

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Das Elisabethheim in Havetoft ebnet dem 17-jährigen Jamis aus Afghanistan den Weg in ein neues Leben. Dort landen die meisten unbegleiteten Jugendlichen, die auf der A7 bei Kontrollen aufgegriffen werden.

shz.de von
erstellt am 02.Sep.2014 | 07:46 Uhr

Jamis* wirkt stolz, als er mit nackten Füßen durch sein Zimmer läuft. Er zeigt auf das Bild an der Wand, das er mit Buntstiften gemalt hat. Es zeigt eine Frau, die auf einer Bergkante sitzt und in die Ferne schaut. In afghanischen Schriftzeichen steht daneben: Man soll alles schätzen, was man geschenkt bekommt. Außen an der Tür hängt ein großes rotes Herz aus Holz, ähnlich wie das auf seinem Nachttisch. Darauf zündet Jamis abends Kerzen an.

Zwei Jahre lebt der 17-Jährige jetzt schon im Elisabethheim in Havetoft, zusammen mit 13 anderen jugendlichen Flüchtlingen. Neun kommen aus Eritrea, fünf sind aus Afghanistan geflohen. Auch viele deutsche Kinder wohnen in dem Jugendheim. Das Gelände liegt an einem friedlichen Wohngebiet. Der Bereich für die Flüchtlinge liegt hinter einer schweren Stahltür und ist nur durch den Hintereingang zu erreichen. Der Flur, an den Vierer- und Einzelzimmer grenzen, erinnert an eine etwas heruntergekommene, lieblos gestaltete Jugendherberge. Die wenigen Möbel sind alt, dienen aber ihrem Zweck. In der Küche fegt ein dunkelhäutiger, fast schwarzer Junge den Boden, als würde er ihn aufgraben wollen. Es herrscht eine friedliche Atmosphäre, der Geruch von Koriander und anderen exotischen Gewürzen liegt in der Luft.

Die Jungen haben zuvor gemeinsam gekocht und gegessen. Mit neugierigen Blicken schauen sie zu mir aus ihren Zimmern. Deutsche Mädchen scheinen hier nicht all zu oft zu Besuch zu sein.

Jamis Flucht beginnt vor drei Jahren in der Provinz Helmand in Afghanistan. Ein festes Ziel hat er nicht, nur die Sehnsucht nach Sicherheit und danach, nicht mehr geschlagen zu werden. Ungefähr ein Jahr war er auf dem Weg, sagt er, zu Fuß und mit dem Lastwagen durch den Iran, die Türkei, Griechenland und Italien. Jamis wirkt niedergeschlagen, wenn er von früher erzählt, ohne jegliche Hoffnung in der Stimme, weil er seine Familie wahrscheinlich nie wiedersehen wird. Sein Handy ist ihm auf der Flucht in einen Fluss gefallen, es war die einzige Verbindung zu seinen zwei jüngeren Brüdern und zu seiner kleinen Schwester. Die Telefonnummer, die er sich gemerkt hatte, funktioniert nicht mehr. Seine Augen füllen sich mit Tränen, wenn er an die Vergangenheit denkt.

In einem Zug wird Janis schließlich von der Bundespolizei aufgegriffen. Dann bekommt Erzieher Adolf „Addy“ Wennsing einen Anruf. Er nimmt Jamis mit ins Elisabethheim. Wie fast alle Flüchtlinge hat auch Jamis nur das dabei, was er am Leibe trägt. Viele Flüchtline nutzen die Zeit in Havetoft, um zu duschen, zu schlafen oder „sich mal ordentlich den Bauch vollzuschlagen“, sagt Addy, „sind aber am Abend wieder verschwunden“. Die meisten wollen weiter nach Schweden – warum, weiß er nicht. 140 Jugendliche hat das Elisabethheim bis Mitte dieses Jahres schon aufgenommen – 2013 waren es ungefähr so viele im ganzen Jahr. 2010 war es nur eine Handvoll.

Jamis gefällt es in Deutschland. Vor allem die Natur und die Menschen mag der zierliche, aber drahtig aussehende Junge. Das Vormundschaftsgericht hat einen Hilfeplan für ihn erstellt. Darin steht, was die Jugendlichen lernen müssen, zum Beispiel Deutsch. Andere fangen beim Lesen und Schreiben an. Im Heim helfen oft Landsleute bei der Übersetzung, und sonst klappt es „mit Hand und Fuß und Malen“, sagt Addy. Auch die Hausregeln sind mit Bildern erklärt. Jamis kann lesen und schreiben, zu Hause in Afghanistan ist er auch zur Schule gegangen. „Dort gab es aber viele Probleme“, sagt er. Genaues möchte er nicht erzählen. „Wahrscheinlich mit den Taliban“, vermutet Addy. In einem Jahr wird Jamis seinen Hauptschulabschluss am Berufsbildungszentrum in Schleswig machen. „Sein Zeugnis ist langweilig, nur Einsen und eine Zwei“, fügt Addy hinzu, fast wie ein stolzer Vater. Deutsch und Englisch mag der Junge am liebsten.

Wenn er von seinem größten Hobby spricht, strahlt Jamis. Für einen Moment wirkt er glücklich. Jede freie Minute nutzt er zum Fußballspielen. Zusammen mit den anderen Flüchtlingen trainiert er im großen Garten des Heims oder mit den Jungs aus seiner Mannschaft vom TUS Dreiring Havetoft. Er fühlt sich dort wohl, das erzählen seine Augen. Und viele Freunde habe er schon im Verein gefunden, „die sind echt cool“. Und er erinnert sich an zu Hause, auch da hat er oft Fußball gespielt. Nicht auf Gras, sondern auf der Straße: „Wir hatten keinen echten Ball, nur einen kleinen“. In Deutschland hat er noch ein weiteres Hobby für sich entdeckt: Boxen. Das kann er auch machen, wenn das Wetter schlecht ist, unten im Keller. Oft geht er runter, wenn er sich allein fühlt, „damit ich die schlimmsten Sachen vergesse“.

Wenn Jamis 18 wird, muss er die Schutzstelle verlassen, so wie alle Jugendlichen, die volljährig werden. Er hat Glück, dass er in eine eigene Wohnung ziehen darf, denn er ist der Stadt Schleswig zugeordnet. Dort gibt es andere Regeln, sagt Addy. Jamis großes Ziel ist es, den Abschluss zu schaffen und Automechaniker zu werden: „Irgendwann möchte ich ein BMW-Auto reparieren.“ Seine Augen strahlen – auch wenn er sich dann erneut an ein neues Umfeld gewöhnen und die Großfamilie verlassen muss. „So ist das Leben“, sagt er und zieht die Schultern hoch.
*Name von der Redaktion geändert

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