Fall Gerwin L. : Geständnis bei der Therapeutin

Das Flensburger Landgericht.
Das Flensburger Landgericht.

Am zweiten Tag im Totschlag-Prozess wird bekannt, wie die Polizei den Weg zur Leiche von Gerwin L. fand.

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13. Juni 2018, 08:00 Uhr

Drei Wochen lang lag die Leiche von Gerwin L. im vergangenen Herbst in der Wohnung seines Nachbarn am Schleswiger Meisenhof. Vermutlich hätte sie dort noch viel länger gelegen, hätte sich der Nachbar nicht eines Tages seiner Therapeutin aus der Helios-Fachklinik offenbart. Das wurde gestern am zweiten Tag des Totschlag-Prozesses gegen Andreas L. vor dem Flensburger Landgericht deutlich.

Die Therapeutin, bei der der 53-jährige Angeklagte unter anderem wegen seiner Alkohol- und Drogensucht in Behandlung war, schilderte als Zeugin, wie Andreas L. sie auf dem Parkplatz vor der Fachklinik mit den Worten ansprach: „Ich habe etwas ganz Schlimmes gemacht.“ Er habe gehetzt gewirkt und stand offenbar unter Drogen. Die beiden redeten rund eine Stunde lang miteinander, und irgendwann im Laufe des Gesprächs wurde Andreas L. konkreter. „Ich habe jemanden umgebracht, und ich verstehe nicht, warum sie mich noch nicht festgenommen haben.“

Die Therapeutin mochte das nicht wirklich glauben, kannte sie ihren Klienten bis dahin doch als liebenswürdigen, hilfsbereiten und humorvollen Menschen. Sie wusste zwar, dass er früher einmal im Gefängnis gesessen hatte. Aber ein Gewaltverbrechen hätte sie ihm niemals zugetraut. Doch er erzählte auch Details, die so absonderlich waren, dass er sie sich schwerlich hätte ausdenken können. Zum Beispiel, dass er die Leiche in seiner Küche mit Insektenspray besprühte, damit sie nicht zu sehr stank.

Die Sache verstörte sie zutiefst. Sie konnte selbst aber wegen ihrer Schweigepflicht mit niemandem reden. Eine Kollegin, die zugleich ihre beste Freundin ist, merkte, dass etwas mit ihr nicht stimmte, und bekam schließlich heraus, was geschehen war. Die Frauen kamen überein, dass sie – Schweigepflicht hin oder her – die Polizei informieren sollten, was sie auch taten.

Unterdessen hatte ein Schleswiger Amtsrichter, der wegen einer Betreuungssache in der Fachklinik zu tun hatte, ein Gespräch über den Vorfall zufällig mitgehört. Er rief ebenfalls bei der Polizei an.

So hatten die Beamten nach vier Wochen endlich eine heiße Spur. Dabei war der Name von Andreas L. schon früh während der Vermisstensuche gefallen. Andere Nachbarn in dem Mehrfamilienhaus hatten gesagt, dass beide Männer regelmäßig persönlichen Kontakt gehabt hätten. Zumindest bei zwei Gelegenheiten hatten Polizisten daraufhin an der Tür von Andreas L. geklingelt, aber niemand öffnete. Dabei ließen sie es bewenden. Schließlich hatten sie keinerlei Hinweise darauf, dass Andreas L. mit dem Verschwinden des 61-jährigen Bundeswehr-Angestellten irgendetwas zu tun haben könnte.

Zum Motiv für die Tat konnte die Therapeutin so viel sagen: Sie habe den Eindruck gehabt, dass Andreas L. die Schuld für alles Schlechte, was ihm im Leben widerfahren ist, auf seinen Nachbarn projiziert habe.

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